358 42. Auflösung des Reichstags.
tischer und nationaler Hinsicht gleich bedauerlichen und be—
denklichen Entschluß fassen wird. Sollte ich mich hierin
täuschen, so würde ich als verantwortlicher Leiter der Reichs—
geschäfte vor dem deutschen Volk und der Geschichte nicht in
der Lage sein, eine solche Kapitulation zu unterschreiben.
(Lebhafter Beifall rechts und bei den Nationalliberalen.)
Als sich die Diskussion erschöpft hatte, wandte sich der Reichskanzler, ehe
es zur Abstimmung ging, noch einmal mit folgendem entschiedenen Appell an den
Reichstag.
Reichskanzler Fürst von Bülow:
Meine Herren, ich halte mich für verpflichtet, Sie nochmals und
in letzter Stunde auf die schwere Verantwortung hinzuweisen, welche
Sie durch Ihre bevorstehenden Beschlüsse auf sich nehmen. Es handelt
sich hier nicht um die Frage, ob für unsere Kolonien einige Millionen
mehr oder weniger bewilligt werden sollen. Es handelt sich, wie Ihnen
der Herr Vertreter des Generalstabs soeben überzeugend dargelegt hat,
um die Frage, ob wir unsere Kolonie behaupten wollen oder nicht. Es
handelt sich, wie ich als verantwortlicher Leiter der Reichsgeschäfte hinzufüge,
um die Frage, ob wir unser Ansehen in der Welt, ob wir unsere
Waffenehre
(lebhafter Widerspruch bei den Sozialdemokraten —
lebhaftes Bravo rechts)
— ich wiederhole gegenüber Ihrem Widerspruch: es handelt sich, wie
ich als verantwortlicher Leiter der Reichsgeschäfte hinzufüge, um die
Frage, ob wir unsere Waffenehre, ob wir unsere Stellung in der Welt,
ob wir unser Ansehen gefährden wollen, um eine verhältnismäßig geringfügige
Summe zu ersparen am Ende eines Feldzuges, der uns Hunderte
von Millionen gekostet hat.
(Bravo!l rechts. Widerspruch bei den
Sozialdemokraten.)
Wollen wir in einer Stunde des Kleinmuts die Früchte jahrelanger
tapferer Anstrengungen gefährden?
(Unruhe bei den Sozialdemokraten.)
Sollen die Opfer, die schweren Opfer an Gut und Blut, die wir für
unsere Kolonien gebracht haben, den Kolonien und dem Vaterland zum
Segen gereichen, oder sollen sie umsonst gebracht sein?