Volltext: Staatslexikon. Erster Band: Abandon bis Elsaß-Lothringen. (1)

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nisse für die Zukunft ein günstiges Prognostikon 
stellt. Es gehört dahin namentlich der viel- 
genannte Okonomist Carey (s. d. Art.), der da- 
von ausgeht, daß sich die Bedürfnisse der an 
einem bestimmten Ort ansässigen Menschen in 
demselben Grad wie diese Menschen selbst ver- 
mehren, während die wirtschaftliche Produktions- 
kraft derselben in schnellerem Maß zunehme. 
Mit der Dichtigkeit der Bevölkerung müsse sich 
daher auch ihre wirtschaftliche Lage verbessern. 
Es ist wahr, eine wachsende Bevölkerung ver- 
mehrt die Arbeitsgelegenheiten, erleichtert die Ge- 
winnung von Arbeitskräften und hat andere Vor- 
teile im Gefolge. Aber das alles trifft doch nur 
bis zu einem gewissen Grad zu. Die natürlichen 
Hilfsquellen langen an einer Grenze ihrer Aus- 
beutung an. Manche, wie Minen und auch Holz- 
vorräte, die sich nur sehr langsam reproduzieren, 
erschöpfen sich gänzlich, wenn sie stark in Anspruch 
genommen werden. Eine drohende Entwicklung 
der Bevölkerungszunahme in der Richtung einer 
Übervölkerung kann also trotz der Careyschen 
Argumente dennoch eintreten, wenn nicht weise 
Selbstbeschränkung einem allzu starken Wachstum 
entgegenwirkt. Daran vermag auch die Beweis- 
führung Friedrich Lists nichts zu ändern, der 
in seinem „Nationalen System der politischen 
Okonomie“ (1841) das sog. Kapazitätsgesetz auf- 
gestellt hat, in welchem er nachzuweisen suchte, 
wieviel Menschen auf einem bestimmten Wirt- 
schaftsgebiet ihr Fortkommen finden können. Mit 
Recht führt er darin aus, daß von dem Augen- 
blick an, wo die natürlichen Güterquellen eines 
Landes das höchste erreichbare Maß ihres Ertrags 
liefern und wo zugleich die Organisation der Ar- 
beit ihren vollkommensten Grad erreicht hat, 
ein weiteres Anwachsen der Bevölkerung die 
Vornahme technischer Verbesserungen voraussetze. 
Diese seien aber in weit höherem Grad auf dem 
Gebiet der Industrie als auf dem der Landwirt- 
schaft möglich, und ein industrieller Staat könne 
überhaupt eine bei weitem zahlreichere Bevölke- 
rung fassen als ein ackerbautreibender. Dies ist 
alles ganz richtig, damit aber noch keineswegs 
dargetan, daß nicht doch einmal, früher oder 
später, eine Ubervölkerung in einem bestimmten 
Land und am Ende gar auf der ganzen Erde ein- 
treten könnte. Gerade List, der eifrige Förderer 
des Schutzzollsystems, hätte wissen sollen, daß 
über die industriell am höchsten entwickelten Staa- 
ten die schlimmsten Krisen hereinbrechen müssen, 
sobald die Länder, welche bisher deren Abnehmer 
waren, sich selbst eine Industrie schaffen und diese 
durch Zollschranken schützen. 
Nun gibt es allerdings noch ein letztes Mittel, 
einen wachsenden Wohlstand zugleich mit der 
Zunahme der Bevölkerung herbeizuführen und zu 
erhalten: das einer anderweitigen Reglung der 
Verteilung des Produktionsertrags. Hierauf gehen 
die Sozialisten mit Vorliebe ein. Dühring 
weist anläßlich seiner Kritik der Theorien von 
Bevölkerung. 
  
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Malthus und Darwin in seiner „Kritischen Ge- 
schichte der Philosophie“ ((1894) darauf hin, wie 
schon jetzt das Streben nach Erhöhung des Ar- 
beitslohns ein Kampf um die Zahl und Art der 
Arbeiterexistenzen sei. Wenn aber die Vermeh- 
rung der Zahl der letzteren und die Verbesserung 
der Lebensverhältnisse der Volksmassen als letztes 
Ziel im Auge behalten werden müsse, so sei auch 
auf eine Erweiterung der Unterhaltsmöglichkeit 
für die Bevölkerung Bedacht zu nehmen. „Unter 
solchen Verhältnissen erst würde die Volkswirtschaft 
ihren Namen verdienen und ihren Anfang nehmen, 
während gegenwärtig nur eine beschränkte Klassen- 
wirtschaft existiere.“ In der Zukunft würde sich 
erst die vollständige Emanzipation der Menschheit 
verwirklichen und eine Gesellschaftsorganisation 
nach dem Grundsatz der Gleichheit durchführen 
lassen. Die Geschichte lehre irrtümlich, daß die 
Zunahme der Bevölkerung eine Verkümmerung der 
Anteile der einzelnen an dem allgemeinen Güter- 
vorrat, der zum Lebensunterhalt zur Verfügung 
stehe, zur Folge gehabt habe; im Gegenteil, die 
Anteile der einzelnen hätten sich stets vermehrt, und 
dies würde noch mehr der Fall sein, wenn die 
sozialistische Gesellschaftsform die Anteile derer 
beschränkte, die jetzt als Inhaber des Kapitals 
usw. sich im Besitz der Produktionsmittel be- 
fänden oder sich als deren Verbündete gerierten. 
— Es ist hier nicht die Stelle, auf die Ideen 
des Sozialismus näher einzugehen. Auch der 
Sozialismus könnte, selbst wenn er von den vielen 
andern Bedenken frei wäre, die endliche Er- 
schöpfung der Produktionsfaktoren bei einer unbe- 
schränkten Vermehrung der Bevölkerung nicht ver- 
hindern. Durch staatliche Maßnahmen kann aller- 
dings die Verteilung des Volkseinkommens bis 
zu einem gewissen Grad beeinflußt, namentlich 
der den arbeitenden Klassen zufallende Anteil des- 
selben vergrößert werden. Man kann sehr wohl 
durch Arbeiterschutzgesetze. Verbot der Nachtarbeit, 
Einschränkung der Frauen= und Kinderarbeit 
u. dgl. die Arbeitslöhne indirekt heben. England, 
woselbst diese Schutzgesetzgebung zuerst eingeführt 
wurde, ist der beste Beweis, wie wirksam eine 
solche sich gestalten kann, indem sich durch dieselbe 
und durch den Gebrauch des Vereinsrechts seitens 
der Arbeiter, welche sich in den zahlreichen Trades 
Unions eine großartige Organisation geschaffen 
haben, eine Art Arbeiteraristokratie insofern ent- 
wickelte, als viele Arbeiter sehr gut bezahlt und 
durch günstige Versicherungen gegen Krankheit und 
Unfall usw. geschützt sind. 
Wieder eine andere Anschauung bezüglich der 
Entwicklung der Vedöllerungsverhshtnif vertreten 
gewisse, von naturwissenschaftlichen Ge- 
sichtspunkten ausgehende Gelehrte. Wir heben 
unter diesen in erster Linie Herbert Spencer 
hervor (System of synthetic Philosophy: 
2. The Principles of Biology (71898)), wel- 
cher meint, daß eine Vermehrung der menschlichen 
Muskelkraft in Zukunft kaum noch zu erwarten sei,