Freie Bahn. 67
Zur Vervollständigung des Materials seien hier nur noch ein paar
Worte über die Rechtsfrage betreffs eventueller Verhaltung bereits
bestehender Eisenbahnen zur Zulassung fremder Züge beigefügt. In
Preussen beseitigt die bereits erwähnte Bestimmung des Eisenbahn-Koncessionsgesetzes
jeden Zweifel, und sobald der oben erwähnte Entwurf
des Reichs-Eisenbahn-Gesetzes zum wirklichen Gesetze geworden
sein wird, ist diese Frage für ganz Deutschland gelöst; wo jedoch eine
solche ausdrückliche Bestimmung nicht existirt, erscheint dann doch der
Staat berechtigt, ein wirklich bestehendes ausschliessendes Betriebsrecht
zu expropriiren — einen rechtlichen Unterschied giebt es da
nicht, sondern nur einen finanziellen, was allerdings unter Umständen
recht schlimm ist. Was speciell Oesterreich betrifft, so hatte
das erste Eisenbahn-Koncessionsgesetz vom Jahre 1838 die Bestimmung
(8.8. e.): „Die Unternehmung erhält das ausschliessende Recht, auf
ihrer Bahn Personen und Sachen aller Art... zu transportiren.“
Das jetzt geltende Gesetz vom 14. September 1854 enthält in der
korrespondirenden Stelle das Epitheton „ausschliessend“ nicht —- ob
aber die auf Grundlage dieses Gesetzes und unter Berufung auf dasselbe
koncessionirten Eisenbahngesellschaften, welche verpflichtet sind,
sich in beim Bau und Betrieb „nach den diesfalls bestehenden Gesetzen
und Verordnungen, dann nach den etwa künftig zu erlassenden
Gesetzen und Verordnungen zu benehmen“, auch rechtlich gezwungen
werden können, in Folge eventueller gesetzlicher Vorschrift ohne besondere
Entschädigung das dermalen faktisch bestehende Monopol auf
ihren Schienenwegen aufzugeben, mag als offene Frage betrachtet
werden. Dass jedoch — wo diese Frage verneint werden müsste
— unter allen Umständen das staatliche Expropriationsrecht auch auf
das ausschliessende Betriebsrecht anwendbar sei, wurde officiell von
Seite der Regierung vor demselben Predilbahn-Ausschusse betont und
blieb auch unwidersprochen. Als nämlich in der Sitzung des Ausschusses
am 28. Mai 1872 mit Bezug auf die Tages vorher beantragte
"gemeinsame und konkurrirende Benützung einer Südbahnstrecke durch
Südbahn und Rudolfsbahn von einer Seite die Besorgniss ausgesprochen
wurde, solches dürfte denn doch gegen den Willen der Südbahn nicht
durchzusetzen sein, fand sich der Handelsminister Dr. Banhaus
zur Erklärung bestimmt, „dass es Sache der Regierung sein werde,
die Anwendbarkeit der Expropriation gegenüber Eisenbahngesellschaften
praktisch darzuthun, wozu das Recht im Eisenbahn-Koncessionsgesetze
begründet sei und von ihm unter allen Umständen festgehalten
werde.“