Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

III.  Schwankungen  und  Scheitern  der  Neutralitätspolitik.  369

welch  letzteres  durch  Wesel  ohnehin  bedroht  sei.  „Weiter  rück—
wärts“,  empfahl  Talleyrand,  möge  es  sich  Passendes  aussuchen,
z.  B.  Mecklenburg,  dessen  Herzöge  in  Westfalen  entschädigt
werden  könnten.

Auch  dieser  Anregung  gab  man  in  Berlin  gefügig  nach.
Haugwitz  lockte  namentlich  die  Ausbreitung  an  der  Ostsee.  Aber
die  Mecklenburger  Herzöge  dankten  für  den  Tausch.  So  ver—
suchte  das  Berliner  Kabinett  nochmals  die  Bedenken  wegen  Westfalens
  zu  zerstreuen.  Die  Nachbarschaft  einer  befreundeten  Macht
werde  Frankreich  stärken.  Im  Notfall  wollte  es  auf  den  größten
Teil  von  Münster  verzichten.  Da  öffneten  sich  neue  Aussichten.
Als  der  Friede  mit  England  sich  verzögerte,  ließ  Bonaparte
Preußen  gegen  Anerkennung  seiner  Neuerungen  in  Italien  —
der  italienischen  Republik  und  der  Vereinigung  Piemonts  mit
Frankreich  —  einen  Vertrag  anbieten,  der  ihm  über  seine  letzten
Forderungen  hinaus  einige  fränkische  Territorien  und  das  ur—
sprünglich  für  die  Oranier  bestimmte  Herzogtum  Westfalen  und
so  eine  gute  Verbindung  zwischen  der  Grafschaft  Mark  und
Paderborn  zusprach,  und  zwar  zu  sofortiger  Besitzergreifung  und
nötigenfalls  mit  französischer  Hilfe.  Freudig  griff  man  zu  und
bat  nur,  es  möge  bei  der  Fassung  des  Vertrages  auf  Rußland
Rücksicht  genommen  werden,  das  ja  doch  eigentlich  hatte  vermitteln
  sollen.

Ehe  man  jedoch  so  weit  war,  hatte  sich  die  Lage  wieder
geändert.  Frankreich  war  des  Friedens  mit  England  sicher
und  über  die  Ordnung  Deutschlands  mit  Rußland  einig.  Als
man  daher  preußischerseits  die  vorläufigen  Verabredungen  festmachen
  wollte,  wurden  sie  als  nicht  mehr  zutreffend  zurückgewiesen.
  Lucchesinis  ungestümen  Klagen  antwortete  Bedauern
darüber,  daß  Rußlands  Lauheit  den  ersten  Konsul  an  der  Verwirklichung
  seiner  wohlwollenden  Absichten  für  Preußen  hindere.
Erst  als  der  Besuch  Kaiser  Aleranders  bei  den  preußischen
Manövern  bei  Memel  doch  eine  Annäherung  beider  Staaten
besorgen  ließ,  that  Bonaparte  einen  Schritt  vorwärts,  bot
aber,  da  der  Friede  mit  England  (27.  März  1802)  seine  Stellung
wesentlich  gebessert  hatte,  Preußen  gleich  wieder  weniger,  während
  er  dieselben  Gegenleistungen  verlangte.  Preußen  sollte  —

Prutz,  Preußische  Geschichte.  III.  21