Full text : Realienbuch Nr. 3 (3)

46  Erdkunde.  II

und  Trockenheit  werden  jene  Länder  aber  vom  Wassermangel  bedroht.  Dann  geben  die  Seen  an  die
Slüsse  von  ihrem  Vorrate  ab.  So  regeln  sie  also  den  Wasserstand  der  Alpenströme.

5.  Der  Mensch  in  den  Alpen.  a)  Wege.  Die  Slußtäler  bilden  in  allen
Gebirgen  die  natürlichen  Wege.  Da  die  Alpen  viele  Uäler  besitzen,  sind  sie  ein
sehr  wegsames  Gebirge.  Die  breiten  Längstäler  zeichnen  sich  durch  gute  Bewässerung
  und  infolge  der  tiefen  Lage  durch  ein  mildes  Klima  aus.  Sie  sind  daher
zum  Ceil  recht  fruchtbar  und  dicht  bevölkert.  Sahlreiche  Orte  liegen  aber  auch  in
den  UQuertälern,  die  sich  von  den  Längstälern  abzweigen.  Dort,  wo  sich  zwei
Quertäler  von  Uorden  und  Süden  nähern,  befindet  sich  im  Kamme  oft  eine  Einsenkung.
  Hier  kann  man  das  Gebirge  am  leichtesten  überschreiten  („passieren“");
deshalb  hat  man  diese  „Dässe“  vielfach  zur  Anlage  von  Kunststraßen  benutzt
(St.  Gotthard,  St.  Bernhard).  Gegenwärtig  haben  die  Straßen  freilich  an  Bedeutung
verloren;  Eisenbahnen  sind  vielfach  an  ihre  Stelle  getreten.  So  ist  Italien  mit
Hrankreich  durch  die  Mont  Cenis-(spr.:  mong  ßöni)  und  die  Simplonbahn,  mit  Deutschland
  durch  die  St.  Gotthard=  und  die  Brennerbahn,  mit  Osterreich  durch  die  Semmeringbahn
  verbunden.  Während  der  Semmering=  und  der  Brennerpaß  so  tief  liegen,  daß
man  die  Eisenbahn  über  sie  hinweg  führen  konnte,  sind  durch  den  St.  Gotthard,  den
Simplon  und  den  Mont  (enis  lange  Tunnel  geschlagen  worden.

b)  Erwerbsquellen.  Wie  in  allen  Gebirgen,  nimmt  auch  in  den  Alpen  der
Dflanzenwuchs  mit  der  höhe  ab  (warum?).  In  den  tiefliegenden  Tälern  wird  überall
Ackerbau  getrieben.  Zuch  die  unteren  Teile  der  Berghänge  sind  vielfach  noch  mit
Leldern  bedeckt.  Kuf  den  rauheren,  nach  Uorden  gerichteten  Abdachungen  reichen  sie  bis
in  höhen  von  1000  m,  auf  den  sonnigen,  südlichen  bhängen  sogar  bis  zu  1500  m.
Da  die  Täler  der  südlichen  Kalkalpen  gegen  die  kalten  Mordwinde  geschützt  sind,  den
warmen,  feuchten  düdwinden  aber  ungehindert  Sutritt  gewähren,  gedeihen  dort  auch
Wein  und  Obst  in  großen  Mengen.

An  die  kcker  schließen  sich  dichte  Laub=  und  Nadelwälder  an,  in  denen  viele
LCeute  als  Waldarbeiter  tätig  sind.  Während  des  langen  Winters  beschäftigen  sich
die  Bewohner  an  zahlreichen  Orten  mit  der  herstellung  kunstvoller  Holzschnitzereien.
In  den  höhen  über  1800  m  findet  sich  nur  noch  dürftiges  Knieholz,  zwischen  dem
die  niedrigen  Büsche  der  lpenrosen  in  ihrem  roten  Blütenschmucke  hervorleuchten.
Auf  ausgedehnten  Wiesen  blühen  duftende  Alpenkräuter  ohne  Sahl.  Diese  „Almen“
dienen  der  Dieh=  und  heuwirtschaft.  Die  unwirtlichen  höhen,  die  über  die  Almen
aufragen,  werden  selten  von  eines  Menschen  Suße  betreten.  Mur  Gems=  und  Rdlerjäger,
  sowie  unerschrockene  Freunde  der  Bergwelt  erklettern  mühsam  die  steilen  hänge.

Auf  den  Almen  (s.  Zbb.  S.  45)  finden  während  des  kurzen  Sommers  Rinder  und  Siegen
gute  Weide.  Im  Juni,  wenn  der  Schnee  geschmolzen  ist,  wird  das  Dieh  aus  den  Tälern  auf  die
Berge  getrieben.  Der  Tag  des  Kuszuges  ist  zugleich  ein  Tag  der  Freude.  Die  Tiere  werden  mit
Blumengewinden  geschmückt,  und  mit  Gesang  und  Scherz  gibt  ihnen  jung  und  alt  das  Geleite.  Kuf
den  höhen  weilt  den  Sommer  über  ein  Bursche  (Senner)  oder  ein  Mädchen  (Sennerin)  allein  mit
dem  Dieh.  Ihre  Wohnung,  die  Sennhütte,  ist  ein  einfaches  Holzhaus,  das  sich  auf  einem
steinernen  Unterbau  erhebt.  Das  breite  Dach  ist  mit  Schindeln  gedeckt  und  mit  Steinen  beschwert,
damit  es  vom  Sturme  nicht  fortgetragen  werden  kann.  Qus  der  Milch  der  Kühe  und  Siegen
bereitet  man  Butter  oder  Käse  (Schweizerkäse).  Selten  spricht  in  der  Sennhütte  ein  Besuch  vor
(äger,  Wurzelgräber,  Bergsteiger).  Alle  8—14  Tage  kommt  jedoch  aus  dem  Tale  ein  llnecht
herauf,  der  frische  Nahrungsmittel  bringt  und  Butter  oder  Käse  abholt.  Siehen  kinfang  September
die  herbststürme  mit  ihren  Schneeschauern  über  die  höhen,  dann  wird  die  Heimkehr  angetreten.