Volkscharakter. 239
Gegensatz der Konfessionen war weitaus der stärkste, doch hatte man sich
gewöhnen müssen, den andern Theil auch neben sich gewähren zu lassen.
Die schwäbischen Kreisstände vermochten zwar in den Gang der Weltund
Reichsereignisse niemals in bedeutender oder gar entscheidender Weise
einzugreifen, aber doch hatten sie an den großen Bündnissen und inneren
Fehden, an der Reformation und dem Bauernkriege, an den Religions-,
Erbfolge= und Revolutionskriegen im Guten und Schlimmen lebhaften
Antheil zu nehmen; das Gefühl und Bedürfnis des nationalen Zusammenhangs
wurde durch die wachsende Zersplitterung im Ganzen doch
mehr genährt als abgeschwächt; und es fehlte wenigstens nicht ganz an
höheren Zielpunkten und gemeinsamen Interessen, die den Blick. über den
engen Horizont der lokalen Sonderbestrebungen hinauswiesen.
Wenn wir nun unter Volkscharakter diejenigen psychologischen
Merkmale verstehen, die uns bei der Vergleichung eines Volks mit andern
Völkern als dessen Eigenthümlichkeiten entgegentreten und von denen wir
annehmen, daß sie sich durch physische Fortpflanzung und den gesellschaftlichen
Kontakt bei der Mehrzahl der Individuen konstant erhalten, so
müssen wir zum voraus wahrscheinlich finden, daß derselbe in einem Zusammenhang
mit dem geographischen und geschichtlichen Elemente, und
zwar zu jenem in einem Verhältnis der Abhängigkeit, zu diesem im
Verhältnis der Wechselwirkung steht. Wie es sich nun aber auch im
näheren mit einem solchen Kausalzusammenhang verhalten mag, so wird
man es doch in der That auch in dem Charakterbild des Schwaben als
einen hervortretenden Zug bezeichnen dürfen, daß es ihm widerstrebt,
sein Wesen in zwingende nivellirende Formen einzufügen, daß es ihn
drängt, dasselbe zur freien individuellen Gestaltung zu bringen, daß uns
das Volksleben in noch etwas höherem Maße wie anderwärts zunächst
als eine bunte Mannigfaltigkeit auseinanderlaufender Meinungen und
Lebensrichtungen gegenübertritt. Wenn man schon dem Deutschen überhaupt
gegenüber von den Romanen und Slaven eine centrifugale Neigung
beigelegt hat, so scheint jedenfalls das schwäbische Naturell hievon
am wenigsten frei zu sein. Fremder Autorität und Gewalt wird sich
der Schwabe nur unter dem Drang der Nöthigung und mit ausdauerndem
Widerstreben fügen. Er will sich gehen lassen und seiner Natur
keinen Zwang anthun; er scheut nichts so sehr wie den Schein der Unselbständigkeit
und Affektation; er stellt nichts so hoch als die Eigenartigkeit
und Unbeugsamkeit des Charakters. Selbst der Sprache, die
anderwärts dem Einzelnen, der sich mit williger Hingabe in sie einlebt,
das Denken so unendlich erleichtert, stellt er eine spröde Subjektivität
gegenüber, und auch der Gebildete wird sich für den Ausdruck seiner
Gedanken und Empfindungen lieber mit dem stockenden und unzureichen-