298 Industrie, Handel und Verkehr.
lichkeit eines deutschen Zweifrontenkrieges den Ausspruch getan: Dieser
Krieg werde drei Armeen erfordern: eine im Westen, eine im Osten und
eine auf der Eisenbahn.
Die tatsächliche Beanspruchung der Eisenbahnen ist womöglich noch
stärker ausgefallen. Die ungeheure Ausdehnung des Kriegsgebietee
sowohl im Westen wie namentlich im Osten machte es zur Notwendigkeit,
daß nicht nur zwischen der Westarmee und der Ostarmee eine dritte Armee
fortwährend auf der Eisenbahn war, sondern daß auch hinter der Westfront
wie binter der Ostfront große Truppenkörper in dauernder Eisenbahnbewegung
zwischen verschiedenen Teilen dieser langgestreckten Fronten
sein mußten. Dazu kam bei Beginn des Kricges die Unsicherheit, ob und
wo — sei es beispielsweise unter Bruch der Neutralität Dänemarke —
England mit einem Landungeheer an deutschen Grenzen im Nordseegebiet
auftreten würde. Ferner kam hinzu die Kenntnis russischer Plänc,
an der Südküste der Ostsee Landungsversuche zu unternehmen; dann
späterbin die steigende Unsicherheit über das Berhalten Ztaliens und
schließlich die Notwendigkeit, auch den südlichen Kriegeschauplatz mit
Truppen zu bedenken. Kurzum: ein Eisenbahnkrieg gewaltigster Ausdehnung,
zu deren voller Würdigung auch die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung
möglichst ausgedehnten Verkehre mit der verbündeten
Türkei nicht vergessen werden darf.
Für die weitaue überragenden militärischen Rücksichten erforderte
dieser Eisenbahnkrieg eine derartige Zuanspruchnahme der Verkehrswege
und #mittel, daß für die wirtschaftlichen Verkehrsbedürfnisse zeitweise
nur äußerst geringer Raum bleiben konnte. Ganz besonders hatte das
naturgemäß zu gelten für die Zeiten der ersten Mobilmachung. In jenen
Augustwochen 1914 war die Inanspruchnahme der Eisenbahnen durch
die Mobilmachung des Heeres eine so vollständige, daß die Stockung
des wirtschaftlichen Verkehrs unvermeidbarerweise fast auf der ganzen
Linie auch Stockungen des industriellen Lebens mit sich brachte, zumal
sich zur Behinderung des Wirtschaftsverkehre das pspchologische Moment
der Ungewißheit über die wirtschaftliche Zukunft gesellte.
Den Leitern unseres Heereswesens war neben der militärischen
Leitung des Verkehrswesens für die Mobilmachungszwecke auch die zu
erwartende wirtschaftliche Rückwirkung der durch die Mobilmachung
verursachten Stockung oder Einstellung des Güterverkehrs nichts Unbekanntes.
Aus der Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabes sind
die regsten Förderer bestmöglichen Ausbaues nicht nur unserer Eisenbahn,
sondern auch unserer Wasserstraßen hervorgegangen. Ee genügt, den
Namen Budde zu nennen — jenes verdienten Mannes, der von der
Eisenbahnabteilung des Großen Generalstabes aus im Preußischen