Full text : Die Ernährungsverhältnisse der Volksschulkinder.

III.  Schülerspeisungen  im  Auslande.  Frankreich.  105

und  in  noch  weniger  Städten  regelmäßige  Wägungen  vorgenommen
werden.  Leider  findet  auch  in  diesen  Städten  keine  Differenzierung
nach  schlecht  oder  gut  ernährten  Kindern,  bezw.  Kindern  armer  und
wohlhabenderer  Eltern  mit  ihrem  Einfluß  auf  das  Körpergewicht  der
Kinder  statt.  ·

III.  Schülerspeisungen  im  Auslande.

Frankreich.

Die  Pariser  Schulkantinen,  die  für  die  englische  Schulspeisungsbewegung
  als  Vorbild  dienten  und  auch  für  die  deutschen  Städte  als
nachahmungswert  bezeichnet  werden,  sind  bekanntlich  aus  der  alten  Einrichtung
  der  Caisses  des  Ecoles  entstanden.  Im  Artikel  15  eines  Schulgesetzes
  von  1867  heißt  es:  Auf  Beschluß  des  Stadtrats  von  Paris  darf
in  jedem  Bezirk  (Arrondissement)  eine  Caisse  d'’école  gegründet  werden,
die  fleißigen  Schülern  durch  Prämien  und  bresthaften  Schülern  durch
Unterstützungen  den  Besuch  der  Schule  ermöglicht.  Die  Hauptaufgabe
der  Caisses  des  Ecoles  wurde  darin  erblickt,  die  bedürftigen  Familien
in  den  Stand  zu  setzen,  ihre  Kinder  zur  Schule  zu  schicken.  Oft  hatten
Pariser  Kinder  weder  Kleider  noch  passendes  Schuhzeug,  um  zur  Schule
zu  gehen.  In  diesen  Fällen  sprang  die  Schulkasse  ein,  ließ  Kleider  verteilen
  und  leistete  den  Familien  den  nötigen  Beistand.  Das  Einkommen
dieser  Schulkassen,  die  bald  in  jedem  Bezirke  vorhanden  waren,  floß  aus
freiwilligen  Beiträgen,  z.  B.  Sammlungen  bei  Hochzeiten,  Wohltätigkeitsfesten,
  aus  Zuschüssen  der  Gemeinde,  der  Provinz  und  des  Staates.
Diese  Schulkassen  bildeten  nun  den  Unterbau  für  die  späteren  Schulkantinen.
  Die  Frage  der  Ernährung  von  Schulkindern  wurde  im
Jahre  1879  zum  ersten  Male  im  Stadtrate  von  Paris  besprochen  und
die  Notwendigkeit  einer  öffentlichen  Fürsorge  hervorgehoben.

Nach  einer  Rundfrage  bei  den  Maires  der  verschiedenen  Arrondissements
  wurde  dem  Stadtrat  ein  Projekt  für  die  Speisung  bedürftiger
Kinder  mit  gesunder  und  warmer  Nahrung  in  der  Mittagspause  vorgelegt
  und  in  der  Sitzung  vom  20.  Dezember  1880  dieses  Projekt  gebilligt.
  Gleichzeitig  wurde  für  die  Organisation  der  Schulkantinen
ein  Kredit  von  480  000  Franks  bewilligt.  Ursprünglich  bestand  die  Absicht,
die  unentgeltliche  Verabfolgung  eines  Mittagsmahles  auf  sämtliche  Kinder
ohne  Ausnahme  auszudehnen.  Die  Gefahr,  bei  allen  Eltern  schulpflichtiger
Kinder  hierdurch  das  Verantwortlichkeitsgefühl  gleichmäßig  zu  untergraben
und  den  Familiensinn  zu  schwächen,  ließ  eine  Einschränkung  auf  bedürftige
Kinder  angezeigt  erscheinen,  ohne  jedoch  in  allen  Fällen  die  Torderung  zu
stellen,  daß  die  Eltern  dem  Armengesetz  unterstehen  sollten.  Die  Organisation
dieser  Speisungseinrichtung  und  die  Verwaltung  derselben  wurde  den
Maires  und  Schulkassendirektoren  der  einzelnen  Bezirke  übertragen.
Als  Vorbild  für  die  Pariser  Einrichtung  diente  eigentlich  die  Stadt
Angers,  wo  bereits  im  Jahre  1871  von  einer  Gesellschaft  für  Volkslüchen
  gemeinsam  mit  der  Stadtverwaltung  bedürftigen  Kindern  der
Gemeindeschulen  teils  frei,  teils  für  10  Centimes  ein  warmes  Mittagsmahl
  von  Anfang  November  bis  Ende  Mai  verabreicht  wurde.  Die