Full text : Die Ernährungsverhältnisse der Volksschulkinder.

108  III.  Schülerspeisungen  im  Auslande.

außerdem  noch  1950  vorschulpflichtige  Kinder  in  den  Schulkantinen.
Im  Jahre  1905  wurden  hier  441634  Portionen  verabreicht,  von  denen
225000,  also  etwas  mehr  als  die  Hälfte,  bezahlt  wurden.  Die  Zahl.
der  Speisungstage  würden  daher  nur  91  betragen.  Die  Einrichtung
besteht  dort  seit  1893.  Es  wird  zum  Teile  Suppe,  etwa  3/10  Liter,  zum
Teile  Fleisch  (50  g)  mit  Gemüse  gegeben.  Alle  Polizeireviere  in  Marseille
aben  Karten  oder  Scheine  zu  verkaufen,  die  die  Eltern,  die  in  diesem

eviere  wohnen,  erwerben  und  den  Kindern  mitgeben.  Diese  Bons
werden  des  Morgens  vom  Lehrer  eingesammelt  und  der  Kantinenvorsteherin
  übergeben,  die  nach  ihrer  Zahl  die  Speisenbereitung  vornimmt.
  Eine  unentgeltliche  Verabfolgung  erfolgt  nur  auf  persönliches
oder  chriftliches  Ansuchen  der  Eltern  bei  der  Unterrichtsbehörde.  Nach
eingehenden  Recherchen  erhalten  im  Bedürftigkeitsfalle  die  Eltern  die
Scheine  direkt  zugesandt.  In  der  Schule  selbst  weiß  niemand,  ob  der
Schein,  den  das  Kind  in  der  Hand  trägt,  bezahlt  oder  unentgeltlich
gegeben  ist.  Die  Schulkantinen  selbst  werden  von  einem  Komitee  aus
22  Mitgliedern  hinsichtlich  der  Speisenbereitung  und  der  Menge  sorgfältig
  kontrolliert.  Diese  Einrichtung  in  Marseille  "t  der  Beweis  dafür,
daß,  ähnlich  wie  in  den  deutschen  Städten,  auch  hier  nur  an  wirklich
bedürftige  Kinder  unentgeltlich  Mahlzeiten  verabfolgt  werden  und  daß
trotz  der  verhältnismäßig  geringen  Zahl  der  gespeisten  Kinder  etwa  die
Hälfte  der  Portionen  von  den  Eltern  bezahlt  wird.

Im  Zusammenhangemit  den  Speisungseinrichtungen  ist  hervorzuheben,
daß  in  Frankreich  auch  eine  Reihe  von  Kinderhorten  sich  befinden  —
Classes  des  Gardes  —.  Zu  Beginn  des  Jahrhunderts  waren  es  338,
die  auch  während  der  Sommermonate  geöffnet  bleiben  und  in  denen
den  Kindern  vermutlich  —  ähnlich  wie  bei  den  deutschen  Kinderhorten
—  mindestens  als  Vesperbrot  ein  kleiner  Imbiß  verabreicht  wird.

Großbritannien  und  Irland.

Bereits  in  den  einleitenden  Bemerkungen  wurden  die  Erhebungsergebnisse
  einer  Kommission  zum  Studium  der  Entartungsfrage:)  als
Ausgangspunkt  für  weitere  Maßnahmen  der  englischen  Regierung  in
der  Schulkinderspeisungsfrage  bezeichnet.

Wir  wollen  uns  hier  lediglich  auf  eine  flüchtige  Skizze  der  Resultate
dieser  Kommission  beschränken,  soweit  sie  mit  der  Unterernährung  der
Kinder  und  der  Speisungsfrage  im  Zusammenhange  stehen.  Die  Arbeiten
der  Kommission  wurden  durch  Befragen  von  68  Auskunftspersonen  —
Rekrutierungsoffizieren,  ärztlichen  und  anthropologischen  Autoritäten,
Schulinspektoren  und  Schulärzten,  Fabrikinspektoren  und  Fabrikärzten,
Gesundheits=  und  Wohlfahrtsbeamten  —  zu  fördern  gesucht.

Hinsichtlich  der  Vorgeschichte  verdient  Erwähnung,  daß  bereits  im
Jahre  1873  der  Gesundheitszustand  und  die  Ernährungsverhältnisse  von
Familien  zu  studieren  versucht  wurden,  deren  Angehörige  in  Textilfabriken
tätig  waren.  Hierbei  wurden  allein  10000  Kinder  untersucht  und  gemessen.

1)  Report  of  the  interdepartmental  Committee  on  Physical  Deterioration.
London,  Wyman  and  Sons  1904.