Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiundzwanzigster Jahrgang. 1906. (47)

270          Die  österreichisch·ungarische  Monarchie.  (Juli  3.)

der  Minister,  habe  überall  die  Erfahrung  gemacht,  daß  in  der  Bevölkerung
eine  geradezu  rührende  und  unverbrüchliche  Anhänglichkeit  an  den  Kaiser
fortlebe,  und  daß  auch  in  der  Bevölkerung  eine  tiefe  Sehnsucht  danach
herrsche,  daß  endlich  der  politische  Widerstreit  aufhöre,  und  daß  endlich
die  Agitation  und  der  Terrorismus  ein  Ende  finden  mögen.  Diese
Hoffnung  auf  eine  bessere  Zukunft  sei  gerechtfertigt.  Ganz  falsch  sei  die
Behauptung,  daß  die  gemeinsame  Armee  nur  mehr  zum  Scheine  bestehe:
  die  gemeinsame  Armee  bestehe  nicht  nur  zu  Recht,  sondern  sie  befindet
  sich  sogar  in  jenem  vorzüglichen  Zustande,  zu  dem  sie  sich  emporgearbeitet
  hat,  und  der  von  allen  Mächten  anerkannt  wird.  Die  größten
Schwierigkeiten  bezüglich  der  gegenwärtigen  Anschauungen  über  die  Armee
liegen  nicht  so  sehr  im  Zwiespalt  dieser  Anschauungen,  als  in  der  Art,
wie  der  Kampf  geführt  wird,  wie  die  öffentliche  Meinung  oft  über  unbedeutende
  Vorfälle,  welche  verdreht,  aufgebauscht  und  falsch  kommentiert
werden,  in  Verwirrung  gebracht  wird.  Auch  die  Armee,  ein  Volksheer,
kann  und  darf  die  Augen  nicht  geschlossen  halten  gegenüber  den  Gegensätzen,
  die  in  den  Völkern  mächtigen  Widerhall  finden.  (Zustimmung.)  Sie
muß  trachten,  die  Gegensätze  in  ihrem  eigenen  Organismus  auszusöhnen,
und  maßgebende  Angehörige  der  Armee  sind  der  Meinung,  daß  der  Organismus
  der  gemeinsamen  Armee  gesund  und  kräftig  genug  ist,  um  sich
ohne  Gefahr  in  der  gedachten  Weise  den  Zeitströmungen  zu  akkomodieren.
(Zustimmung.)  Ich  hoffe  aber  auch  zuversichtlich,  daß  bei  den  maßgebenden
Politikern  diejenige  Besonnenheit  die  Oberhand  gewinnen  wird,  welche  es
ermöglicht,  in  ruhiger  und  objektiver  Würdigung  der  Verhältnisse  vorurteilsfrei
  dasjenige  zu  finden,  was  für  die  gemeinsame  Verteidigung  mit
vereinter  Kraft  Bedingung  ist,  den  Weg,  der  zur  Einigung  führt.  Auf
die  Klagen  und  Beschwerden  wegen  der  Höhe  der  Militärlasten  übergehend,
an  denen  die  Großmannssucht  Oesterreich-Ungarns  schuld  sein  solle,  sei  zu
antworten:  Wir  sind  eben  nach  der  Größe  des  Raumes  und  nach  der  Zahl
der  Bewohner  eine  Großmacht,  die  unter  dem  Habsburgischen  Szepter  ein
für  Europa  unentbehrliches  Staatengebilde  repräsentiert.  Es  ist  sehr  leicht,
in  Friedenszeiten  von  Herabsetzung  der  Militärlasten  zu  sprechen.  Wenn
aber  der  schwere  Augenblick  einer  kriegerischen  Verwickelung  kommt,  dann
wird  es  heißen:  Warum  ist  dieses  und  jenes  nicht  geschehen?  Warum
hat  der  Kriegsminister  nicht  gesprochen?  Wir  hätten  ihm  ja  das  Militär
bewilligt  und  dergleichen.  Sowohl  die  Blut-  als  auch  die  Geldsteuer  für
Heereszwecke  sei  in  Oesterreich-Ungarn  geringer  als  in  Deutschland  und
Frankreich,  ja  selbst  als  in  Italien,  Oesterreich-Ungarn  habe  an  Militärlasten
  auf  den  Kopf  ein  Sechstel  der  Gesamtausgaben,  während  sie  in
Deutschland  die  Hälfte,  in  Frankreich  ein  Drittel,  in  Italien  ein  Viertel
 betragen.  .  .   .  Zweifellos  sind  unsere  Lasten  groß,  aber  der  Zuruf  eines
Delegierten:  „Wir  wollen  mit  Wasser  kochen“,  hat  bereits  längst  seine  Verwirklichung
  gefunden,  und  wenn  —  was  der  Welt  zu  wünschen  wäre  —
gewisse  Abrüstungspläne  zur  Ausführung  kämen,  würden  die  anderen
Staaten  lange  zu  tun  haben,  bis  sie  auf  den  Standpunkt  kommen,  auf
dem  wir  uns  heute  befinden.  Anderseits  glaube  ich  mich  auf  die  richtigen
Ausführungen  des  Grafen  Schönborn  berufen  zu  können,  daß  wir  ein
geschätzter  Alliierter  geblieben  sind,  obwohl  wir  in  der  Entwickelung  des
lebenden  und  toten  Materials  hinter  anderen  Staaten  zurückgeblieben  sind.
         Das  Heeresordinarium  wird  angenommen.

          3.  Juli.  (W i e n.)  In  der  ästerreichischen  Delegation  erwidert
  Minister  des  Auswärtigen  Graf  Goluchowski  auf  mehrere
Angriffe  und  Anfragen: