224 Drobender Charakter des französischen Drängens.
Osterreichs und im Interesse der Integrität der letzteren Macht in dringender diplomatischer
Verwendung hat eintreten lassen, verlangt man von uns, daß wir Grankreich nicht allein
zu neuen Erwerbungen behilflich sein, sondern daß wir ihm dieselben sogar entgegentragen
und den Besitzer von Luxemburg auf eigene Kosten entschädigen sollenl Daß dies Ver-
langen, wie sehr es auch durch das von Ew. pp. hervorgehobene Bedürfnis des Kaisers,
leinem eigenen Lande mit handgreiflichen Vorteilen der preußischen Allianz entgegen-
mtreten und die öffentliche Meinung für sich zu gewinnen, motiviert sein mag, doch im
böchsten Grade geeignet war, uns stutzig und vorsichtig zu machen, und daß es nicht dazu
beitragen konnte, die sehr natürliche und in jeder Weise gerechtfertigte Abneigung gegen
die Überlassung eines deutschen Territoriums an Frankreich zu überwinden, ist leicht ein-
zusehen. Diese Abneigung kann nur durch ein wachsendes Vertrauen in die Politik Srank-
reichs und durch die Gewißbeit größerer Vorteile für unsere eigene künftige Politik über-
wogen werden — nicht aber durch ein Drängen, welches von einem drobenden Tharakter
Kkeineswegs frei geblieben üst.
Denn wenn Sw. pp. in letzterer Beziehung auch hervorbeben, daß von seiten der
Kaiserlichen Regierung Ihnen gegenüber eine drohende Sprache niemals geführt worden
sei, so hat doch das Auftreten des Kaiserlichen Botschafters in Berlin, wie ich Ew. pp.
wiederholt bemerkt habe, nur zu oft das Sepräge der Drohung getragen. Wie viel davon
auch dem perfönlichen Charakter und den Gewohnbeiten des Herrn Benedetti zuzuschreiben
sein mag, so können wir doch nicht umhin, auch in den Außerungen des Marquis de Moustier
Drohungen zu finden, wenn er in den vertraulichen Gesprächen mit Ew. pp. auf die für
beide Mächte gleichmäßig obwaltenden Gefahren eines Zwiespaltes hinweist ulnd]) auf die
VNothwendigkeit, andre ulnd] zwar drohende Allianzen einzugehn, wenn wir Grankreich
nicht den Willen thun. Er nennt diese Allianzen zwar bötardes, aber er droht mit ihnen
schon in dem Salle,' daß wir die von Srankreich begehrten einseitigen, für uns bedenklichen
und jedenfalls keine Vorteile mit sich bringenden Akquisitionen in Luxemburg ihm nicht
sofort verschaffen könnten. Wir haben keine Ursache, daran zu zweifeln, daß der gegen-
wärtige Kaiserliche Minister im Gegensatz zu den Tendenzen seines Vorgängers die Ver-
ständigung und Allianz mit Dreußen aufrichtig wünscht; und wir haben in dieser Bezie-
hung mit seinen Außerungen nur Urfache zufrieden zu sein. Aber derselbe Minister weist
doch auch — wie wir übrigens ganz begreiflich finden — anderweitige Kombinationen
nicht ab, zu welchen ein unabweisliches Bedürfnis nötigen könnte. Für uns kann ein solches
unabweisliches Bedürfnis ebensowohl eintreten, und wir müssen dasselbe sogar nach der
ganzen bisherigen Haltung Srankreichs für den Sall vorausfsehen, daß wir den gegen-
wärtigen Zumutungen Grankreichs nicht genügen und ihm die mit golcher Hast geforderte
„Abschlagszahlung“ durch Verschaffung Luxemburgs auf unsere Kosten nicht leisten können.
Es wäre daher eine lÜbereilung von ernstester Lragweite, wenn wir durch kompromittierende
Schritte uns die Möglichkeit anderweitiger Kombinationen abschneiden wollten, ehe wir durch
eine Aktion Frankreichs die Bürgschaft haben, daß auch diese Macht mit voller Entschie-
denbeit und ohne binterhältige Gedanken an dem Sustem festhalten will, welches durch die
vorgeschlagene Verständigung inauguriert werden joll.
H. Oncken, Die Abeinpolitik Kaiser Rapoleons III. von 1863 bis 1870, II, 165 ff.
* Der letzte Ceil des vorletzten Satzes von den Worten an: „andre ulnd) war drohende ...“ und der
Elngang des letzten eigenbändiger Jujatz Bismarcks. .