Aummer 95
D#echland.
Das Jesuitengeseß-In
der Mittwoch-Sitzung der zweiten badischen
Kammer, in der die Generaldebatte über
den Kultusetat begonnen wurde, gab Alg. Dr.
Frank-Mannheim (8.) die Erklärung ab, daß
seine Partei ebenso energisch wie das Zentrum
für die Aushebung des Jesuitengesetzes stimmen
werde, welches nicht haltbar sei. Die Regierung
möge von dem Rechte Gebrauch machen,
Klöster zuzulassen. Kultusminister Dr. Böhm
erllärte, die Interpretation des Jesuitengeseses
betrachte die Regierung nicht als ginklich, aber
der Aufhebung des Jesuitengesees schlechthin
könne die Regierung nicht zustimmen. Sie sei
aber bereit, sich an den kommenden Verhandlungen
im Bundesrat in dieser Frage zu beteiligen.
Sozialdemokrat und evangelischer
T(irbeiterverein.
In Hassel bei St. Ingbert sand am Sonntag
der Verbandstag der evang. Arbeitervereine der
Pfals statt. Das Hauptinteresse der Tagung bildete
der Vortrag des Pfarrers Bartlehner von
Kirlel-Neuhäusel über die Frage: Kann ein
Sozialdemotrat Mitglier des evangelischen Arbeiterrereins
werden? Diese Frage bejahte der
Referent in vollem Umfange. Die Wahlsprüche
der evang. Arbeitervereine „Fürchte Got““ und
„Ehre den König“ genieren nach Ansicht des
Reserenten nicht, um Sozialdemokraten in den
Verein aufzunehmen. Man müsse der Sotialdemokratie,
die nach Ansicht des Vortragenden
„ein notwendiges Glied unseres wirtschaftlichen
Lebens“ sei, entgegenlommen. Die Losung., Von
Bassermann bis Vebei“ sei ihm (Referenten)
sympathischer als die „Sammlung der bürgerlichen
Parteien"“. Diesen Ausführungen trat
der christlich-nationale Generalssetretär Martin
von Düsseldorf scharf entgegen; niemale könne
ein Sozialdemokrat, der doch nichts für Religion
und Vaterland übrig habe, Mitglied des
evang. Vereins werden. Sämtliche anderen Redner.
darunter auch einige Pfarrer, mit Ausnahme
eines Ingenieurs und eines Gewerkschaftssekretärs,
sprachen sich für bedingungsweife
Aufnahme von Sozialdemolraten in evangel.
Vereine aus. Die Frage soll nun in den einzelnen
Vereinen besprochen und nächnes Jahr
nochmals behandelt werden.
Peleranenveihilfen.
Verlin, 22. April.
Nach amtlichen Verechnungen wird die Zaül
der am 1. April 1914 noch lebenden Kriegsteilnehmer
auf etwa 380 000 geschätzt. Davon
sind auf Grun der Verforgungsgesehe abgefunden
oder besiehen Geiduntertügungen auf
Grund des kaiserlichen Erlasser vom 22. Juli
1884 etwa 34.000. so daß für die Kriegsteilnehmerbeihisen
noch rund 336 000 in Frage
lommen. Am 1. März 1914 wurden die Beihilfen
von 263 354 Veleranen bezogen, das
sind rund 76 v. H. aller in Betracht iommenden
Anwärter. Ein Abgang in der Zahl der
gewährten Beihilfen in trotz der recht zahlreichen
Abgänge durch Tod von etwa 20 000
Mann im Rechnungsiahr 1913 Bicher nicht eingetreten.
Es lann aber wohl angenommen
werden, daß von der Gesamtzahl der noch ledenden
Lriegsteilnehmer mehr als der obige
recht hohe Prozentia# u#er#stützungeddürftig
im Sinne der einschlägigen Geietnze nicht sein
wird.
Daß eine weentliche Steigerung in der Gewährung
von Veteranuenheihilfen eingetreten ist,
geht daraus herror, daß nach der vorlletzten
Statitlik etba 000 Feldzugsteilnehmer vorhanden
waren, u denen in Preußen im ganzen
etwa 2000 Veteranen Beihilfen erbielten.
Im Reich be ifserl sich ihre Zabl auf etwa
245 000. Es waren demnach nur 67 v. H.
zum Bczug der Beihilse anertannt.
Was die Wünnsche des Reichstags anbelangt,
die dahin gingen, Aaß die Anwartschaft auf
Veteranenbeihilfen auch für Nichtlombattanten
als begründet erachtet wird, die in den Kriegsjahren
die feindliche Grenze überschritten ha#en,
oder im eigenen oder verbündeten Lande auf
dem Kriegsschauplatze verwendet worden sird,
so wird ihnen aller Voraussicht nach entgegengelommen
werden. Es dürfte sich um etwa 2000
Personen handeln. Anders sieht die Frage
einer erneuten Erhöhung der Beteranenbeihilfen
von 150 auf 180 Mk. Dies dürfte, so heißt
es in dem amtlichen Bericht,
Finanzlage des Reiches sich nicht ermöglichen
lassen.
Die Gewährung der Veteranenbeihilfe erfolgt
bereits in möglichst weitherriger Weise. Eine
Unterstühungsbedürftigkeit des Kriegsteilnehmers
ist anmerkennen, wenn seine Einkommensbezüge
unter Hinzurechnung der auf rechtlicher
Verpflichtung beruhenden Leistung dritter, insbesondere
unterhaltspflichtiger Verwandter, den
notwendigen Lebensunterhalt nicht sicherstellen u.
die Unulänglichkeit des Einkommens nicht lediglich
auf Umständen beruht, deren Wirkung ihrer
Natur nach auf einen verhältnismäßig kurzen
Zeitraum beschränkt ist. Bei Prüfung der Frage,
mas zum nötigen Unterhaft gebbrt, sind
die gesamten Umstände des Einzelsalles zu
würdigen, insbesondere ist auf die persönlichen
und Familienverhältnisse des Kriegsteilnehmers
angesichts der.
#——
und darauf Rücksicht zu nehmen, ob er infolge
von Alter und Krankheit besonderer Pflege bedarf,
und ob er für Angehörige, besonders
schulpflichtige Kinder, zu sorgen hat.
Der Konflsikt zwischen den Vereinigken
Staaken und Meriko.
Washington, 22. April.
In später Nachtstunde nahm der Senat eine
Resolution der Regierung an, worin erklärt
wird: Der Präsident ist berechtigt, die Streitkräfte
des Landes zu benutzen, um seine Genugtuungsforderungen
für die Beleidigungen und
Beschimpfungen der Vereinigten Staaten durch
Mexrilo durchzusetzen. Das Repräsentantenhaus
trat der Resolution bei.
Inzwischen nehmen die Operationen der Amerikaner
in und bei Veracruz ihren Fortgang.
Kontre= Admiral Badger ist mit fünf Schlachtschissen
dort angekommen. Sein Landungslorps
beträgt 2700 Mann. In der Konf#cenz,
die heute vormittag an Bord des Linienschiffes
„Arfansas“ mischen den Konteradmiralen Badger
und Fletcher stattfand, wurde die vollständige
Einschliebng von Veracruz beschlossen. Als
beute weitere amerilanische Marinesoldaten gelandet
m#urren, wurden sie von merifsanischen
Scharsschützen von den Hausdächern des Sladizentrums
beschossen.
Eine spätere Meldung beiagt, daß die ameriklanischen
Streirkräfte Veracruz vollständig beheirschen.
Nichtiombaktanten wurden nicht vermundet.
Konteradmiral Fletcher richtete an die
Einwohner von Veracruz einen Erlaß, in dem sie
aufgefordert werden, im Interesse der Menschlichleit
mit ihm an der Wiederherstellung der
Ordnung zu arbeiten. Sie lönnten die städlische
Regierung beibehalten wie bisher. Die
Vereinigten Staaten würden nur das Zollhaus
besetzt halten und Patrouillen durch die Stadt
schiden.
Der Hapagdampfer „Opiranga“ wurre
vom deutschen Gesandten zur Aufnahme deutscher
Flüchtlinge requiriert. Er fuhr gestern
in den Hasen von Veracruz ein. Der Dampfer
hatte einen für die merilanische Regierung bestimmten
Wassen- und Munilionstransport an
Bord. Der ameritanische Admiral Fletcher verbot
anfänglich dem Kapitän, den Hafen mit
den Wasfen an Bord zu verlassen. Die ametitanische
Regierung präzisierte inzwischen ihren
Standpunlt dahin, daß sie hofft, die Wafsensendung
werde in dem von den amerikanischen
Tiuppen besetzten Zollamt von Veracruz gelandet,
um dort von amerikanischer Seite verwahrt
zu werden. Da iwessen ein Kriegszustand'
nicht bestehe, beanspruche sie nicht das Recht,
die Absahrt des Dampsers zu verwehren, oder
über die Wossensendung eine Kontrolle auszuũben,
es sei denn, das sie in dem von den
amerilanischen Streitkräften besetzten Jollamt
gelandet werde. Fletcher entschuldigte sich auf
die Weisung seiner Regierung bei dem deutschen
apitän.
Schließlich verreichnen wir noch folgende Meldungen:
Der meritanische Geschäftsträger Algara
murde von Huerta angewiesen, von dem
Staateiekretär Bryan seine Papiere zu verlaugen.
Von unterrichteter, aber nicht anutlicher
Sielle wird erklärt, Huerta hätte das Er'uchen
an die Vereinigten Staaten gesiellt, den Geschäftsträger
O'Shanghesiy abuberufen. Der
melilanische Geschäftslräger in Washington,
Algara, ertlärte, er habe verschiedene Mitteilungen
seiner Regierung erhalten, daß er
angenblicklich alberusen werden lönnte, aber die
Anweisung, seine Pässe zu fordern, habe er
noch nicht. Staatsselretär Bryan außerte, er
habe leine M#tteilung darüber, daß der amerilanüche
Geschäftsträger in Meriko, O'Sangbessy,
von Huerla aufgefordert worden sei, Merilo
zu verlassen. Bryan zeigte sich besorgt,
weil es unmöglich ist, mit O'Sanghessy in der
Stadt Meriko in Verbindung zu treten.
Hof- und Personaluachrichten.
Verlin, 22. April. Nach den bisherigen Bestimmungen
wird das Kaiserpaar am 4.
dai Korfu verlassen und über Genua am 7.
Mai nachmittags in Karlsruhe eintreffen. Am
8. Mai wird der Kaiser einer größeren Gesechtsübung
bei Türkheim beiwohnen, dann die
Hohkönigsburg besuchen und von dort nach
Karloruhe zurückkehren. Am Abend des 8. Mai
reist das Kaiserpaar nach Braunschweig ab, w#“
am 9. die Taufe des jungen Prinzen stalktfindet.
Die Kaiferin wird am 10. Mai von Braunschweig
nach Berlin zurücklehren, während der
Kaiier zur selben Zeit nach Metz abreisen wird,
wo am 11. große Truppenübungen stattfinden
sollen. Am 12. Mai wird der Kaiser
nach Wiesbaden reisen, wo vom 13.—18. Mai
die Festspiele stattfinden. In der Nacht vom
16. anf 19. Mai lehrt der Kaiser nach Berlin
zurück.
Braunschweig, 22. April. Die Taufpaten
des Erbprinzen sind folgende: Der
Kaiser und die Kaiserin, der Herzog und vie
Herzooin von Cumberland, die Naue
Oesterreich und Nußland, die Könige von England
und Bapern, der Großherrog von Mecklenburg-Schwerin,
Prin) Maz von Baden, die
.l p
Prinzen Adalbert und Oskar von Preußen,
der vergange ien Nacht
amter erwiesen, während
————4
Prinz Waldemar von Dänemark und das bapyerische
1. Schwere Reiterregiment in München.
Der Kaiser und die Kaiserin treffen am 9. Mai
gegen 10 Uhr vormittags hier ein. Es findet
großer Empfang statt. Entgegen anderslautenden
Meldungen steht fest, daß Herzog Ergst
August von Cumberland bei den Tauffeierlichkeiten
nicht anwesend sein wird.
Berschiedene Nachrichlen.
Berlin, 22. April. In einem Hause an der
Joachimsthalerstraße wollte der Arbeiter Brehmer
an einem Fenster des 4. Stockes eine Marlise
anbringen. Er war zu diesem Zweck auf
das Geländer des Ballons gestiegen, plötzlich
verlor er das Gleichgewicht und stürzte in die
Tiefe. Er erlitt einen Schädelbruch und starb,
ohne die Besinnung wieder erlangt zu haben.
Meissen, 22. April. Die Nähmaschinensabrik
Biesol! und Locke am Neumarkt ist in
vollständig niedergebrannt.
Ter Schaden wird auf annähernd
212 Millionen geschätzt, da Modelle und viele
Spezialmaschinen vernichtet worden find. An
die Wiederaufnahme des Betriebes ist für längere
Zeit nicht zu denken. Gegen 600 Personen
sind beschäftigungslos geworden.
Merseburg, 22. April. Im kommenden
Jal#re feiert Merseburg das 900jährige Bestehen
des berühmten Domes, der der Schauplatz
bedentsamer historischer Ereignisse war und in
dem eine Reihe deutscher Fürsten begraben ist.
Der Dom wird aus diesem Anlaß, wie ein Prirattelegramm
meldet, einer gründlichen Renoration
unterzogen. Das Jubiläum soll mit
umfangreichen Feierlichleiten verbunden werden,
wozu auch der Kaiser sein Erscheinen zugesagt
hat. Gleichzeitig wird in Merseburg ein Denkmal
für König Friedrich Wilhelm III. eingemeiht
werden.
Straßburg, 22. April. In der früheren
französischen, staatlichen Waffenfabril, jetzt Werkzeug=
und Klingenfabrik Zornhof bei Zabern
brach gestern Großfeuer aus. Den Wehren gelang
es zwar, den Brand zu beschränken, doch ist
ein großer Teil der Werkstätten verbrannt, so
daß vierhundert Arbeiter brotlos werden.
Bern, 22. April. Der Schweizer Bider
stieg heute morgen 5 Uhr 40 Minuten auf und
überflog mit einem Fluggast die Jungfrau.
Er landete um 7 Uhr 18 Minuten bei Brigerberg
in Wallis.
Paris, 22. April. Aus Aubusson wird gemeldet,
daß durch ein Scharfschießen auf dem
Uebungsplatze La Court irgend ein scharfes
Geschohb in Daigny eingeschlagen hat, wodurch
eine Feuersbrunst hervorgerufen wurde. Zwei
Häuser und eine Scheune wurden dadurch in
Brand gesteckt und sind sämtlich bis auf den
Grund niedergebrannt. Die Militärbehörde hat
eine Untersuchung eingeleitet.
Algier, 22. April. Aus Ain Sefra wird
gemeldet, daß ein Korporal und 14 Fremdenlegionäre
in der vergangenen Nacht aus der Kaserne
entwichen und westwärts mit Wafsen und
Gepäck geflohen seien, nachdem sie vorher die
Telegraphendrähte des Forts Hassa durchschnitten
hatten. Eine Abteilung Kavallerie ist zur
Versolgung aufgebrochen.
Petersburg, 22. April. Aus Ankaß des
ersten Temperenzfeiertages sanden heute in verschiedenen
Städien religiöse Feiern sialt. Es
werden massenhaft Flugblätter verteilt, in denen
auf die Gefahr der Trunksucht hingewiesen
wird. Der Verkauf von Spiriluosen ist überall
verboten worden.
#
Der gürgermelster als Hochstapler.
MKöslin, 22. April.
Die Verhaftung des 2. Bürgermeisters hat
die ganze Stadt in begreifliche Aufregung versetzt.
Die Angelegenheit hat sich folgendermaßen
entwickelt:
Schon seit Wochen schwebte ein Prozeß zwischen
einem Fräulein an: Weißenfels und dem
2. Bürgermeister w'igen Rückerstattung von Beträgen,
die ihm nleleiret worden waren, in der
Voraussetzung, raß er das Fräulein heiraten
merde. Die Alten des Prozesses sind durch die
Hand des 1. Bü zermeisters gegangen. Im
Lause des Proze: es hat Alexander unflätige
Briese an seine Prozeßgegnerin gerichtet, in
denen er sie allerhand unsiltlicher Dinge bezichtigle
und mit Anzeige bedrohte, wenn sie
nicht von ihrer Forderung abstünde.
Inwwischen hatten sich die Verdachtsmomente
derart verstärlt, daß der Staatsanwalt nur
durch eine Gegenüberstellung der beiden Alerander
eine Klärung der mysteriösen Angelegenbeit
für möglich hielt. Die augenblicklich schwebenden
Verhandlungen über die Errichtung einen
Flugplatzes in Berlin boten Gelegenheit dazu,
in Berlin eine solche Gegenüberstetlung herbeibzuführen.
Im Berliner Zentralhotel, wo der
1 und 2. Bürgermeister von Köslin abgestiegen
waren, war auch der richtige Dr. Alerander
eingetroffen und besah sich aus der Entfernung
seinen Doppelgänger. Kurz darauf erfolgte
die Verhaftung.
Wie überall in seinen früheren Stellungen
hat sich Alexander oder richtiger Thormann
auch während seiner kurzen Tiigseit in Köslin
als ein au#### U ch tüchtiger Verwaltungsbees
manchem ausgefallen
ist, daß es ihm für kein Amt gl# Ce-
Freitag, 24. April 1914
werbe= und Kaufmannsrichter mitunter an recht
gewöhnlichen juristischen Kenntnissen fehlte, natlürlich
hat diese Tatsache aber bei niemand den
Verdacht erregt, daß es mit der Vorbildung
des zweiten Bürgermeisters nicht ganz in Ordnung
sei. -
Offenbar ist es in Weißenfels, wo der angebliche
Dr. jur. Alexander vom Magistrat füt
die diätarische Beschäftigung ausgenommen wurde,
versäumt worden, die Grundlagen seiner
Vorbildung sorgfältig nachzuprüfen. Als er sich
dann als Magistratsassessor nach Bromberg meldete,
konnte er sich einfach auf seine Täligkeit
in Weißenfels berusen und fräter
bei seiner Kandidatur für den Posten des
zweilen Bürgermeisters der Stadt Köslin auf
seine Tätigkeit in Weißensels und Bromberg-Als
zweiter Bürgermeister hat er teilwelse Außerordentliches
geleistet, so besonders in großzügiger
Propaganda zur Hebung des dortigen Fremdenverlehrs.
Noch gestern abend traf der Schwiegervater,
ein hoher Beamter, in Bromberg, über dessen
Familie durch den Schwindler so großes Unglück
heraufbeschworen wurde, in Köslin ein. Zwar
ist die Ehe nicht ohne weiteres ungültig, aber
ihre Nichtigkeit kann selbstverständlich im Klageweg
sofort herbeigeführt werden. Interessant
dürfte eine andere Frage sein, nämlich die der
Gültigkeit aller Urteile, die der falsche Dr. juc.
in seiner Eigenschaft ckls Gewerbe= und Kausmannsrichter
gefällt hat. ·
Die hiesige Staatsanwaltschaft teilt, mit: Die
Verhandlung gegen den früheren zweiten Bürgermeister
findet in ungefähr sechs Wochen ror
der Straflammer des biesigen Landgerichte siatt.
— Gegen Thormann ist nunmelr auch Haftbesehl
wegen Verdachtes der Nichtverbüßung
einer Strafe, intellektueller Urkundenfälschung
und Anmaßung eines öffentlichen Amtes erlassen
worden. Der erste Haftbefehl war wegen
des Verdachtes der Erpressung ausgestellt. Die
Frau Thormanns weilt bereits seit acht Tagen
in ihrem Elternhaus in Bromberg.
rP' 1
—
Folgenschwerer Iwischenfall in Aleinasten.
Paris, 22. April.
„Petit Parifien“ meldet: Ein folgenschwerer
Zwischenfall hat sich vor einigen Tagen in der
Nähe von Djerabulos (Tarablus?) in Kleinasien
in den großen Konstrultionslagern der
Bagdadbahngesellschaft, die eine große Brücke
über den Euphrat bauen, ereignet. Einige Abgeordnete
der Arbeiterschaft, die zum gröftten
Teil aus Kurden besteht, wurde von dem Chefingenieur,
als sie ihre Klagen vortragen wollten,
mit Peitschenhieben empfangen. Die Rurden
erzählten dies ihren Kameraden, die sosort
in aller Eile alle verfügbaren Werkzeuge
und Wassen zusammenrafften und auf die Brücke
liefen, um sich an dem gerade dort befindlichen
Chefingenieur zu rächen. Der Ingenieur sah
die drohende Gefahr und ließ eine Lokomotive
in voller Geschwindigkeit über die Brücke fahren.
Neun Arbeiter wurden totgefahren, 43
schwer verletzt.
Eine große Anzahl von Arbeitern, die gegen
den Chefingenieur losgehen wollten, hatt:
lich in den Fluß gestürzt, um sich schwimmend
zu retten. Sie ertranken jedoch zum größten Teil.
Das Ereignie hatte unter den Kurden die größte
Erregung hervorgerusen. Der Chefingenieur
mußte flüchten und hatte es nur dem deulschen
Konsul von Aleppo zu verdanken, daß er enllam.
Man befürchtet, daß die Kurden sich nun
auch an anderen Unternehmungen der Bagdadbahn
rächen werden, um so mehr, als schon seit
längerer Zeit Streitigleiten zwischen den Kurden
und anderen Arbeitern bestanden.
Dagegen besagt cine halbosfsiziöse Berliner
Meldung: Ein Pariser Blatt bringt aus Beirut
Nachrichten über einen schweren Zufsummenstoß,
der jich vor cinigen Tagen an dem Euphralübergang
der Bagdadbahn zwischen den Ingenieuren
der Baugesellschaft und furdischen Arbeitern
ereignet haben soll. Die Meldung des
Pariser Blattes ist offenbar eine phantaniische
Aufbanschung der um mehrere Wochen zurückliegenden
und alsbald beigelegten Arbeizernurn--hen
an der Euphratbrücke. Dagegen sam
neuerdings am Bagtschetunnel im Amanusgebirge
ein Angriff von Arbeitern auf Ingenieure
slatt, wobei einige Kawassen veromndet
wurden.
Münchener Neuigkeilen.
München, 22. April. Das K. Regierungs-Präsidium
versendet an die offiziellen Kreite
wieder die üblichen Einladungen zur Bockbier=Probe,
die heuer auf Donnerstag, den 30.
April, sestgesetzt it und von vormittags 1½11
Uhr ab im großen Saale des K. Hofbräuhanses
am Mlatzl stattfindet.
München, 22. April. Der seinerzeitige Antrag
des G.-B. Krüche, eine Katzensteuer einmführen,
wurde gestern in der geheimen Sitzung
des Magistrats endgültig abgelehnt. Die Erhebungen
haben ergeben, dah die schwierig einzutreibende
Steuer kein befriedigendes finanzielles
Ergebnis hat.
München, 22. April. Die sechs Läden im
Erdarschof der alten Augustinerkirche haben au-Herordentlich
zahlreiche Bewerber gesunden. Die
Mieter sind dereits ausgewählt, doch bedürfen
die Mietvexträge noch der Genehmigung der Po-