Full text : Rosenheimer Anzeiger. 60. Jahrngang (60)

Aummer  95
D#echland.
Das  Jesuitengeseß-In

  der  Mittwoch-Sitzung  der  zweiten  badischen
  Kammer,  in  der  die  Generaldebatte  über
den  Kultusetat  begonnen  wurde,  gab  Alg.  Dr.
Frank-Mannheim  (8.)  die  Erklärung  ab,  daß
seine  Partei  ebenso  energisch  wie  das  Zentrum
für  die  Aushebung  des  Jesuitengesetzes  stimmen
werde,  welches  nicht  haltbar  sei.  Die  Regierung
  möge  von  dem  Rechte  Gebrauch  machen,
Klöster  zuzulassen.  Kultusminister  Dr.  Böhm
erllärte,  die  Interpretation  des  Jesuitengeseses
betrachte  die  Regierung  nicht  als  ginklich,  aber
der  Aufhebung  des  Jesuitengesees  schlechthin
könne  die  Regierung  nicht  zustimmen.  Sie  sei
aber  bereit,  sich  an  den  kommenden  Verhandlungen
  im  Bundesrat  in  dieser  Frage  zu  beteiligen.


Sozialdemokrat  und  evangelischer
T(irbeiterverein.

In  Hassel  bei  St.  Ingbert  sand  am  Sonntag
der  Verbandstag  der  evang.  Arbeitervereine  der
Pfals  statt.  Das  Hauptinteresse  der  Tagung  bildete
  der  Vortrag  des  Pfarrers  Bartlehner  von
Kirlel-Neuhäusel  über  die  Frage:  Kann  ein
Sozialdemotrat  Mitglier  des  evangelischen  Arbeiterrereins
  werden?  Diese  Frage  bejahte  der
Referent  in  vollem  Umfange.  Die  Wahlsprüche
der  evang.  Arbeitervereine  „Fürchte  Got““  und
„Ehre  den  König“  genieren  nach  Ansicht  des
Reserenten  nicht,  um  Sozialdemokraten  in  den
Verein  aufzunehmen.  Man  müsse  der  Sotialdemokratie,
  die  nach  Ansicht  des  Vortragenden
„ein  notwendiges  Glied  unseres  wirtschaftlichen
Lebens“  sei,  entgegenlommen.  Die  Losung.,  Von
Bassermann  bis  Vebei“  sei  ihm  (Referenten)
sympathischer  als  die  „Sammlung  der  bürgerlichen
  Parteien"“.  Diesen  Ausführungen  trat
der  christlich-nationale  Generalssetretär  Martin
von  Düsseldorf  scharf  entgegen;  niemale  könne
ein  Sozialdemokrat,  der  doch  nichts  für  Religion
  und  Vaterland  übrig  habe,  Mitglied  des
evang.  Vereins  werden.  Sämtliche  anderen  Redner.
  darunter  auch  einige  Pfarrer,  mit  Ausnahme
  eines  Ingenieurs  und  eines  Gewerkschaftssekretärs,
  sprachen  sich  für  bedingungsweife
Aufnahme  von  Sozialdemolraten  in  evangel.
Vereine  aus.  Die  Frage  soll  nun  in  den  einzelnen
  Vereinen  besprochen  und  nächnes  Jahr
nochmals  behandelt  werden.

Peleranenveihilfen.
Verlin,  22.  April.

Nach  amtlichen  Verechnungen  wird  die  Zaül
der  am  1.  April  1914  noch  lebenden  Kriegsteilnehmer
  auf  etwa  380  000  geschätzt.  Davon
sind  auf  Grun  der  Verforgungsgesehe  abgefunden
  oder  besiehen  Geiduntertügungen  auf
Grund  des  kaiserlichen  Erlasser  vom  22.  Juli
1884  etwa  34.000.  so  daß  für  die  Kriegsteilnehmerbeihisen
  noch  rund  336  000  in  Frage
lommen.  Am  1.  März  1914  wurden  die  Beihilfen
  von  263  354  Veleranen  bezogen,  das
sind  rund  76  v.  H.  aller  in  Betracht  iommenden
  Anwärter.  Ein  Abgang  in  der  Zahl  der
gewährten  Beihilfen  in  trotz  der  recht  zahlreichen
  Abgänge  durch  Tod  von  etwa  20  000
Mann  im  Rechnungsiahr  1913  Bicher  nicht  eingetreten.
  Es  lann  aber  wohl  angenommen
werden,  daß  von  der  Gesamtzahl  der  noch  ledenden
  Lriegsteilnehmer  mehr  als  der  obige
recht  hohe  Prozentia#  u#er#stützungeddürftig
im  Sinne  der  einschlägigen  Geietnze  nicht  sein
wird.

Daß  eine  weentliche  Steigerung  in  der  Gewährung
  von  Veteranuenheihilfen  eingetreten  ist,
geht  daraus  herror,  daß  nach  der  vorlletzten
Statitlik  etba  000  Feldzugsteilnehmer  vorhanden
  waren,  u  denen  in  Preußen  im  ganzen
  etwa  2000  Veteranen  Beihilfen  erbielten.
  Im  Reich  be  ifserl  sich  ihre  Zabl  auf  etwa
245  000.  Es  waren  demnach  nur  67  v.  H.
zum  Bczug  der  Beihilse  anertannt.

Was  die  Wünnsche  des  Reichstags  anbelangt,
die  dahin  gingen,  Aaß  die  Anwartschaft  auf
Veteranenbeihilfen  auch  für  Nichtlombattanten
als  begründet  erachtet  wird,  die  in  den  Kriegsjahren
  die  feindliche  Grenze  überschritten  ha#en,
oder  im  eigenen  oder  verbündeten  Lande  auf
dem  Kriegsschauplatze  verwendet  worden  sird,
so  wird  ihnen  aller  Voraussicht  nach  entgegengelommen
  werden.  Es  dürfte  sich  um  etwa  2000
Personen  handeln.  Anders  sieht  die  Frage
einer  erneuten  Erhöhung  der  Beteranenbeihilfen
von  150  auf  180  Mk.  Dies  dürfte,  so  heißt
es  in  dem  amtlichen  Bericht,
Finanzlage  des  Reiches  sich  nicht  ermöglichen
lassen.

Die  Gewährung  der  Veteranenbeihilfe  erfolgt
bereits  in  möglichst  weitherriger  Weise.  Eine
Unterstühungsbedürftigkeit  des  Kriegsteilnehmers
  ist  anmerkennen,  wenn  seine  Einkommensbezüge
  unter  Hinzurechnung  der  auf  rechtlicher
Verpflichtung  beruhenden  Leistung  dritter,  insbesondere
  unterhaltspflichtiger  Verwandter,  den
notwendigen  Lebensunterhalt  nicht  sicherstellen  u.
die  Unulänglichkeit  des  Einkommens  nicht  lediglich
  auf  Umständen  beruht,  deren  Wirkung  ihrer
Natur  nach  auf  einen  verhältnismäßig  kurzen
Zeitraum  beschränkt  ist.  Bei  Prüfung  der  Frage,
  mas  zum  nötigen  Unterhaft  gebbrt,  sind
die  gesamten  Umstände  des  Einzelsalles  zu
würdigen,  insbesondere  ist  auf  die  persönlichen
und  Familienverhältnisse  des  Kriegsteilnehmers

 

angesichts  der.

#——

und  darauf  Rücksicht  zu  nehmen,  ob  er  infolge
von  Alter  und  Krankheit  besonderer  Pflege  bedarf,
  und  ob  er  für  Angehörige,  besonders
schulpflichtige  Kinder,  zu  sorgen  hat.

Der  Konflsikt  zwischen  den  Vereinigken
  Staaken  und  Meriko.

Washington,  22.  April.

In  später  Nachtstunde  nahm  der  Senat  eine
Resolution  der  Regierung  an,  worin  erklärt
wird:  Der  Präsident  ist  berechtigt,  die  Streitkräfte
  des  Landes  zu  benutzen,  um  seine  Genugtuungsforderungen
  für  die  Beleidigungen  und
Beschimpfungen  der  Vereinigten  Staaten  durch
Mexrilo  durchzusetzen.  Das  Repräsentantenhaus
trat  der  Resolution  bei.

Inzwischen  nehmen  die  Operationen  der  Amerikaner
  in  und  bei  Veracruz  ihren  Fortgang.
Kontre=  Admiral  Badger  ist  mit  fünf  Schlachtschissen
  dort  angekommen.  Sein  Landungslorps
  beträgt  2700  Mann.  In  der  Konf#cenz,
die  heute  vormittag  an  Bord  des  Linienschiffes
„Arfansas“  mischen  den  Konteradmiralen  Badger
  und  Fletcher  stattfand,  wurde  die  vollständige
  Einschliebng  von  Veracruz  beschlossen.  Als
beute  weitere  amerilanische  Marinesoldaten  gelandet
  m#urren,  wurden  sie  von  merifsanischen
Scharsschützen  von  den  Hausdächern  des  Sladizentrums
  beschossen.

Eine  spätere  Meldung  beiagt,  daß  die  ameriklanischen
  Streirkräfte  Veracruz  vollständig  beheirschen.
  Nichtiombaktanten  wurden  nicht  vermundet.
  Konteradmiral  Fletcher  richtete  an  die
Einwohner  von  Veracruz  einen  Erlaß,  in  dem  sie
aufgefordert  werden,  im  Interesse  der  Menschlichleit
  mit  ihm  an  der  Wiederherstellung  der
Ordnung  zu  arbeiten.  Sie  lönnten  die  städlische
  Regierung  beibehalten  wie  bisher.  Die
Vereinigten  Staaten  würden  nur  das  Zollhaus
besetzt  halten  und  Patrouillen  durch  die  Stadt
schiden.

Der  Hapagdampfer  „Opiranga“  wurre
vom  deutschen  Gesandten  zur  Aufnahme  deutscher
  Flüchtlinge  requiriert.  Er  fuhr  gestern
in  den  Hasen  von  Veracruz  ein.  Der  Dampfer
hatte  einen  für  die  merilanische  Regierung  bestimmten
  Wassen-  und  Munilionstransport  an
Bord.  Der  ameritanische  Admiral  Fletcher  verbot
  anfänglich  dem  Kapitän,  den  Hafen  mit
den  Wasfen  an  Bord  zu  verlassen.  Die  ametitanische
  Regierung  präzisierte  inzwischen  ihren
  Standpunlt  dahin,  daß  sie  hofft,  die  Wafsensendung
  werde  in  dem  von  den  amerikanischen
Tiuppen  besetzten  Zollamt  von  Veracruz  gelandet,
  um  dort  von  amerikanischer  Seite  verwahrt
  zu  werden.  Da  iwessen  ein  Kriegszustand'
nicht  bestehe,  beanspruche  sie  nicht  das  Recht,
die  Absahrt  des  Dampsers  zu  verwehren,  oder
über  die  Wossensendung  eine  Kontrolle  auszuũben,
  es  sei  denn,  das  sie  in  dem  von  den
amerilanischen  Streitkräften  besetzten  Jollamt
gelandet  werde.  Fletcher  entschuldigte  sich  auf
die  Weisung  seiner  Regierung  bei  dem  deutschen

apitän.

Schließlich  verreichnen  wir  noch  folgende  Meldungen:
  Der  meritanische  Geschäftsträger  Algara
  murde  von  Huerta  angewiesen,  von  dem
Staateiekretär  Bryan  seine  Papiere  zu  verlaugen.
  Von  unterrichteter,  aber  nicht  anutlicher
Sielle  wird  erklärt,  Huerta  hätte  das  Er'uchen
an  die  Vereinigten  Staaten  gesiellt,  den  Geschäftsträger
  O'Shanghesiy  abuberufen.  Der
melilanische  Geschäftslräger  in  Washington,
Algara,  ertlärte,  er  habe  verschiedene  Mitteilungen
  seiner  Regierung  erhalten,  daß  er
angenblicklich  alberusen  werden  lönnte,  aber  die
Anweisung,  seine  Pässe  zu  fordern,  habe  er
noch  nicht.  Staatsselretär  Bryan  außerte,  er
habe  leine  M#tteilung  darüber,  daß  der  amerilanüche
  Geschäftsträger  in  Meriko,  O'Sangbessy,
  von  Huerla  aufgefordert  worden  sei,  Merilo
  zu  verlassen.  Bryan  zeigte  sich  besorgt,
weil  es  unmöglich  ist,  mit  O'Sanghessy  in  der
Stadt  Meriko  in  Verbindung  zu  treten.

Hof-  und  Personaluachrichten.

Verlin,  22.  April.  Nach  den  bisherigen  Bestimmungen
  wird  das  Kaiserpaar  am  4.

dai  Korfu  verlassen  und  über  Genua  am  7.
Mai  nachmittags  in  Karlsruhe  eintreffen.  Am
8.  Mai  wird  der  Kaiser  einer  größeren  Gesechtsübung
  bei  Türkheim  beiwohnen,  dann  die
Hohkönigsburg  besuchen  und  von  dort  nach
Karloruhe  zurückkehren.  Am  Abend  des  8.  Mai
reist  das  Kaiserpaar  nach  Braunschweig  ab,  w#“
am  9.  die  Taufe  des  jungen  Prinzen  stalktfindet.
  Die  Kaiferin  wird  am  10.  Mai  von  Braunschweig
  nach  Berlin  zurücklehren,  während  der
Kaiier  zur  selben  Zeit  nach  Metz  abreisen  wird,
wo  am  11.  große  Truppenübungen  stattfinden
  sollen.  Am  12.  Mai  wird  der  Kaiser
nach  Wiesbaden  reisen,  wo  vom  13.—18.  Mai
die  Festspiele  stattfinden.  In  der  Nacht  vom
16.  anf  19.  Mai  lehrt  der  Kaiser  nach  Berlin
zurück.

Braunschweig,  22.  April.  Die  Taufpaten
  des  Erbprinzen  sind  folgende:  Der
Kaiser  und  die  Kaiserin,  der  Herzog  und  vie
Herzooin  von  Cumberland,  die  Naue
Oesterreich  und  Nußland,  die  Könige  von  England
  und  Bapern,  der  Großherrog  von  Mecklenburg-Schwerin,
  Prin)  Maz  von  Baden,  die

 

 

.l  p

 

Prinzen  Adalbert  und  Oskar  von  Preußen,

der  vergange  ien  Nacht

amter  erwiesen,  während

 

————4

Prinz  Waldemar  von  Dänemark  und  das  bapyerische
  1.  Schwere  Reiterregiment  in  München.
Der  Kaiser  und  die  Kaiserin  treffen  am  9.  Mai
gegen  10  Uhr  vormittags  hier  ein.  Es  findet
großer  Empfang  statt.  Entgegen  anderslautenden
  Meldungen  steht  fest,  daß  Herzog  Ergst
August  von  Cumberland  bei  den  Tauffeierlichkeiten
  nicht  anwesend  sein  wird.

Berschiedene  Nachrichlen.

Berlin,  22.  April.  In  einem  Hause  an  der
Joachimsthalerstraße  wollte  der  Arbeiter  Brehmer
  an  einem  Fenster  des  4.  Stockes  eine  Marlise
  anbringen.  Er  war  zu  diesem  Zweck  auf
das  Geländer  des  Ballons  gestiegen,  plötzlich
verlor  er  das  Gleichgewicht  und  stürzte  in  die
Tiefe.  Er  erlitt  einen  Schädelbruch  und  starb,
ohne  die  Besinnung  wieder  erlangt  zu  haben.

Meissen,  22.  April.  Die  Nähmaschinensabrik
  Biesol!  und  Locke  am  Neumarkt  ist  in
vollständig  niedergebrannt.
  Ter  Schaden  wird  auf  annähernd
212  Millionen  geschätzt,  da  Modelle  und  viele
Spezialmaschinen  vernichtet  worden  find.  An
die  Wiederaufnahme  des  Betriebes  ist  für  längere
  Zeit  nicht  zu  denken.  Gegen  600  Personen
  sind  beschäftigungslos  geworden.

Merseburg,  22.  April.  Im  kommenden
Jal#re  feiert  Merseburg  das  900jährige  Bestehen
  des  berühmten  Domes,  der  der  Schauplatz
bedentsamer  historischer  Ereignisse  war  und  in
dem  eine  Reihe  deutscher  Fürsten  begraben  ist.
Der  Dom  wird  aus  diesem  Anlaß,  wie  ein  Prirattelegramm
  meldet,  einer  gründlichen  Renoration
  unterzogen.  Das  Jubiläum  soll  mit
umfangreichen  Feierlichleiten  verbunden  werden,
wozu  auch  der  Kaiser  sein  Erscheinen  zugesagt
hat.  Gleichzeitig  wird  in  Merseburg  ein  Denkmal
  für  König  Friedrich  Wilhelm  III.  eingemeiht
  werden.

Straßburg,  22.  April.  In  der  früheren
französischen,  staatlichen  Waffenfabril,  jetzt  Werkzeug=
  und  Klingenfabrik  Zornhof  bei  Zabern
brach  gestern  Großfeuer  aus.  Den  Wehren  gelang
  es  zwar,  den  Brand  zu  beschränken,  doch  ist
ein  großer  Teil  der  Werkstätten  verbrannt,  so
daß  vierhundert  Arbeiter  brotlos  werden.

Bern,  22.  April.  Der  Schweizer  Bider
stieg  heute  morgen  5  Uhr  40  Minuten  auf  und
überflog  mit  einem  Fluggast  die  Jungfrau.
Er  landete  um  7  Uhr  18  Minuten  bei  Brigerberg
  in  Wallis.

Paris,  22.  April.  Aus  Aubusson  wird  gemeldet,
  daß  durch  ein  Scharfschießen  auf  dem
Uebungsplatze  La  Court  irgend  ein  scharfes
Geschohb  in  Daigny  eingeschlagen  hat,  wodurch
eine  Feuersbrunst  hervorgerufen  wurde.  Zwei
Häuser  und  eine  Scheune  wurden  dadurch  in
Brand  gesteckt  und  sind  sämtlich  bis  auf  den
Grund  niedergebrannt.  Die  Militärbehörde  hat
eine  Untersuchung  eingeleitet.

Algier,  22.  April.  Aus  Ain  Sefra  wird
gemeldet,  daß  ein  Korporal  und  14  Fremdenlegionäre
  in  der  vergangenen  Nacht  aus  der  Kaserne
  entwichen  und  westwärts  mit  Wafsen  und
Gepäck  geflohen  seien,  nachdem  sie  vorher  die
Telegraphendrähte  des  Forts  Hassa  durchschnitten
  hatten.  Eine  Abteilung  Kavallerie  ist  zur
Versolgung  aufgebrochen.

Petersburg,  22.  April.  Aus  Ankaß  des
ersten  Temperenzfeiertages  sanden  heute  in  verschiedenen
  Städien  religiöse  Feiern  sialt.  Es
werden  massenhaft  Flugblätter  verteilt,  in  denen
  auf  die  Gefahr  der  Trunksucht  hingewiesen
wird.  Der  Verkauf  von  Spiriluosen  ist  überall
verboten  worden.

 

#

Der  gürgermelster  als  Hochstapler.
MKöslin,  22.  April.

Die  Verhaftung  des  2.  Bürgermeisters  hat
die  ganze  Stadt  in  begreifliche  Aufregung  versetzt.
  Die  Angelegenheit  hat  sich  folgendermaßen
  entwickelt:

Schon  seit  Wochen  schwebte  ein  Prozeß  zwischen
  einem  Fräulein  an:  Weißenfels  und  dem
2.  Bürgermeister  w'igen  Rückerstattung  von  Beträgen,
  die  ihm  nleleiret  worden  waren,  in  der
Voraussetzung,  raß  er  das  Fräulein  heiraten
merde.  Die  Alten  des  Prozesses  sind  durch  die
Hand  des  1.  Bü  zermeisters  gegangen.  Im
Lause  des  Proze:  es  hat  Alexander  unflätige
Briese  an  seine  Prozeßgegnerin  gerichtet,  in
denen  er  sie  allerhand  unsiltlicher  Dinge  bezichtigle
  und  mit  Anzeige  bedrohte,  wenn  sie
nicht  von  ihrer  Forderung  abstünde.

Inwwischen  hatten  sich  die  Verdachtsmomente
derart  verstärlt,  daß  der  Staatsanwalt  nur
durch  eine  Gegenüberstellung  der  beiden  Alerander
  eine  Klärung  der  mysteriösen  Angelegenbeit
  für  möglich  hielt.  Die  augenblicklich  schwebenden
  Verhandlungen  über  die  Errichtung  einen
Flugplatzes  in  Berlin  boten  Gelegenheit  dazu,
in  Berlin  eine  solche  Gegenüberstetlung  herbeibzuführen.
  Im  Berliner  Zentralhotel,  wo  der

1  und  2.  Bürgermeister  von  Köslin  abgestiegen
  waren,  war  auch  der  richtige  Dr.  Alerander
  eingetroffen  und  besah  sich  aus  der  Entfernung
  seinen  Doppelgänger.  Kurz  darauf  erfolgte
  die  Verhaftung.

Wie  überall  in  seinen  früheren  Stellungen
hat  sich  Alexander  oder  richtiger  Thormann
auch  während  seiner  kurzen  Tiigseit  in  Köslin
als  ein  au####  U  ch  tüchtiger  Verwaltungsbees
  manchem  ausgefallen
  ist,  daß  es  ihm  für  kein  Amt  gl#  Ce- 



Freitag,  24.  April  1914

werbe=  und  Kaufmannsrichter  mitunter  an  recht
gewöhnlichen  juristischen  Kenntnissen  fehlte,  natlürlich
  hat  diese  Tatsache  aber  bei  niemand  den
Verdacht  erregt,  daß  es  mit  der  Vorbildung
des  zweiten  Bürgermeisters  nicht  ganz  in  Ordnung
  sei.  -

Offenbar  ist  es  in  Weißenfels,  wo  der  angebliche
  Dr.  jur.  Alexander  vom  Magistrat  füt
die  diätarische  Beschäftigung  ausgenommen  wurde,
  versäumt  worden,  die  Grundlagen  seiner
Vorbildung  sorgfältig  nachzuprüfen.  Als  er  sich
dann  als  Magistratsassessor  nach  Bromberg  meldete,
  konnte  er  sich  einfach  auf  seine  Täligkeit
  in  Weißenfels  berusen  und  fräter
bei  seiner  Kandidatur  für  den  Posten  des
zweilen  Bürgermeisters  der  Stadt  Köslin  auf
seine  Tätigkeit  in  Weißensels  und  Bromberg-Als
  zweiter  Bürgermeister  hat  er  teilwelse  Außerordentliches
  geleistet,  so  besonders  in  großzügiger
Propaganda  zur  Hebung  des  dortigen  Fremdenverlehrs.


Noch  gestern  abend  traf  der  Schwiegervater,
ein  hoher  Beamter,  in  Bromberg,  über  dessen
Familie  durch  den  Schwindler  so  großes  Unglück
heraufbeschworen  wurde,  in  Köslin  ein.  Zwar
ist  die  Ehe  nicht  ohne  weiteres  ungültig,  aber
ihre  Nichtigkeit  kann  selbstverständlich  im  Klageweg
  sofort  herbeigeführt  werden.  Interessant
dürfte  eine  andere  Frage  sein,  nämlich  die  der
Gültigkeit  aller  Urteile,  die  der  falsche  Dr.  juc.
in  seiner  Eigenschaft  ckls  Gewerbe=  und  Kausmannsrichter
  gefällt  hat.  ·

Die  hiesige  Staatsanwaltschaft  teilt,  mit:  Die
Verhandlung  gegen  den  früheren  zweiten  Bürgermeister
  findet  in  ungefähr  sechs  Wochen  ror
der  Straflammer  des  biesigen  Landgerichte  siatt.
—  Gegen  Thormann  ist  nunmelr  auch  Haftbesehl
  wegen  Verdachtes  der  Nichtverbüßung
einer  Strafe,  intellektueller  Urkundenfälschung
und  Anmaßung  eines  öffentlichen  Amtes  erlassen
  worden.  Der  erste  Haftbefehl  war  wegen
des  Verdachtes  der  Erpressung  ausgestellt.  Die
Frau  Thormanns  weilt  bereits  seit  acht  Tagen
in  ihrem  Elternhaus  in  Bromberg.

rP'  1
—
Folgenschwerer  Iwischenfall  in  Aleinasten.
Paris,  22.  April.

„Petit  Parifien“  meldet:  Ein  folgenschwerer
Zwischenfall  hat  sich  vor  einigen  Tagen  in  der
Nähe  von  Djerabulos  (Tarablus?)  in  Kleinasien
  in  den  großen  Konstrultionslagern  der
Bagdadbahngesellschaft,  die  eine  große  Brücke
über  den  Euphrat  bauen,  ereignet.  Einige  Abgeordnete
  der  Arbeiterschaft,  die  zum  gröftten
Teil  aus  Kurden  besteht,  wurde  von  dem  Chefingenieur,
  als  sie  ihre  Klagen  vortragen  wollten,
  mit  Peitschenhieben  empfangen.  Die  Rurden
  erzählten  dies  ihren  Kameraden,  die  sosort
  in  aller  Eile  alle  verfügbaren  Werkzeuge
und  Wassen  zusammenrafften  und  auf  die  Brücke
liefen,  um  sich  an  dem  gerade  dort  befindlichen
Chefingenieur  zu  rächen.  Der  Ingenieur  sah
die  drohende  Gefahr  und  ließ  eine  Lokomotive
in  voller  Geschwindigkeit  über  die  Brücke  fahren.
  Neun  Arbeiter  wurden  totgefahren,  43
schwer  verletzt.

Eine  große  Anzahl  von  Arbeitern,  die  gegen
  den  Chefingenieur  losgehen  wollten,  hatt:
lich  in  den  Fluß  gestürzt,  um  sich  schwimmend
zu  retten.  Sie  ertranken  jedoch  zum  größten  Teil.
Das  Ereignie  hatte  unter  den  Kurden  die  größte
Erregung  hervorgerusen.  Der  Chefingenieur
mußte  flüchten  und  hatte  es  nur  dem  deulschen
Konsul  von  Aleppo  zu  verdanken,  daß  er  enllam.
  Man  befürchtet,  daß  die  Kurden  sich  nun
auch  an  anderen  Unternehmungen  der  Bagdadbahn
  rächen  werden,  um  so  mehr,  als  schon  seit
längerer  Zeit  Streitigleiten  zwischen  den  Kurden
  und  anderen  Arbeitern  bestanden.

Dagegen  besagt  cine  halbosfsiziöse  Berliner
Meldung:  Ein  Pariser  Blatt  bringt  aus  Beirut
  Nachrichten  über  einen  schweren  Zufsummenstoß,
  der  jich  vor  cinigen  Tagen  an  dem  Euphralübergang
  der  Bagdadbahn  zwischen  den  Ingenieuren
  der  Baugesellschaft  und  furdischen  Arbeitern
  ereignet  haben  soll.  Die  Meldung  des
Pariser  Blattes  ist  offenbar  eine  phantaniische
Aufbanschung  der  um  mehrere  Wochen  zurückliegenden
  und  alsbald  beigelegten  Arbeizernurn--hen
  an  der  Euphratbrücke.  Dagegen  sam
neuerdings  am  Bagtschetunnel  im  Amanusgebirge
  ein  Angriff  von  Arbeitern  auf  Ingenieure
  slatt,  wobei  einige  Kawassen  veromndet
wurden.

Münchener  Neuigkeilen.

München,  22.  April.  Das  K.  Regierungs-Präsidium
  versendet  an  die  offiziellen  Kreite
wieder  die  üblichen  Einladungen  zur  Bockbier=Probe,
  die  heuer  auf  Donnerstag,  den  30.
April,  sestgesetzt  it  und  von  vormittags  1½11
Uhr  ab  im  großen  Saale  des  K.  Hofbräuhanses
  am  Mlatzl  stattfindet.

München,  22.  April.  Der  seinerzeitige  Antrag
  des  G.-B.  Krüche,  eine  Katzensteuer  einmführen,
  wurde  gestern  in  der  geheimen  Sitzung
des  Magistrats  endgültig  abgelehnt.  Die  Erhebungen
  haben  ergeben,  dah  die  schwierig  einzutreibende
  Steuer  kein  befriedigendes  finanzielles
  Ergebnis  hat.

München,  22.  April.  Die  sechs  Läden  im
Erdarschof  der  alten  Augustinerkirche  haben  au-Herordentlich
  zahlreiche  Bewerber  gesunden.  Die
Mieter  sind  dereits  ausgewählt,  doch  bedürfen
die  Mietvexträge  noch  der  Genehmigung  der  Po-