19. Der Regensburger Dom. 87
ihre strenge Schönheit. Am Untergeschoß des linken Turmes sehen wir sogar
einen Fries aus Giebeln, die ohne Stützen zackenartig in der Luft hängen —
eine völlig sinnwidrige Verwendung des Giebels.
Ebenso eng wie der ornamentale ist auch der figürliche Schmuck mit
dem gotischen Stile verbunden. Auch er gehorcht bestimmten Gesetzen in Bezug
auf die Art und den Ort der Verwendung. Hier kommt zunächst das Portal
in Betracht. An den abgeschrägten Wänden desselben, den „Leibungen“, stehen
zwischen den Diensten, welche den Bogen tragen, Statuen. In der Füllung
des Bogens über der Türe, dem „Tympanon“, sind Reliefs eingelassen, die
meist in zusammenhängender Folge die Kindheitsgeschichte Christi, die Passion
oder, wie hier in Regensburg, den Tod und die Krönung Mariä darstellen.
Auch der Pfeiler der dreieckigen Vorhalle des Regensburger Portales ist mit
Standbildern ausgestattet. Im Innern sind Standbilder an bestimmte Plätze
gebunden; sie stehen hier an der Innenseite der Hauptschiffspfeiler, etwa in
halber Höhe des Seitenschiffs. Überall sind sie entweder auf Pfeiler gestellt,
die mit Maßwerk geschmückt sind, oder auf Konsole, die aus Laubornamenten
oder Figuren gebildet sind; über ihrem Haupte ist ein „Baldachin“, ein aus
der Wand vorspringendes Dach, das von einer Fiale gekrönt wird. Durch
den beschränkten Platz, in den sich die Standbilder hineinpassen müssen, ist
ihr Stil an besondere Eigenart gezwungen worden. Sie sind nicht völlig
frei gearbeitet, sondern schließen sich rückwärts an die Wand oder den Pfeiler
an. Verwickelte Stellungen und ausladende lebhafte Bewegung sind unmöglich.
Dem Bildner ist ruhige, feierliche Haltung für seine Werke aufgenötigt.
Die besten Standbilder dieser Art, zu denen wir getrost auch die am Regensburger
Domportal rechnen können, machen dadurch einen ernsten, großartigen
Eindruck; die große Menge freilich blieb steif und unbeholfen. Einen Versuch
stärkerer Belebung hat der gotische Bildhauer doch gemacht, die sogenannte
gotische Biegung. Es liegt ihr der Gedanke an Standbein und Spielbein zugrunde;
aber der Bildhauer hatte noch nicht Kenntnisse genug dies richtig
durchzuführen. Er schiebt einfach Bein und Schulter nach der einen,
die Hüfte nach der anderen Seite vor. Manchen Gestalten, besonders
Frauen, verleiht dies anmutigen Reiz; meist jedoch wirkt es gesucht und
unnatürlich.
Neben dem plastischen Schmuck tritt der malerische stark zurück. Die
Dome haben keine Wandflächen, die sich zur Bemalung eignen. Nur bei
kleineren Kirchen, namentlich denen der Bettelorden, treten bemalte Wände an
Stelle der Außenpfeiler. Reiche Verwendung findet die Malerei nur in einer
Form, der Glasmalerei. Alle die großen Fenster der gotischen Dome waren
ursprünglich mit farbigen Darstellungen geschmückt, die leider nur zu einem
kleinen Teil erhalten sind. Da damals die eigentliche Glasmalerei noch auf
sehr niedriger Stufe stand, wurden diese Fenster meist aus Stücken farbig
gegossenen Glases zusammengesetzt und mit Blei verbunden. Daher haben die