— 123 —
gedankenlos nach dem alten Herkommen wirtschaftet, sondern sich der
Gründe und Folgen in ihrem Treiben überall bewußt zu werden sucht.
Von nun an erhielt die Landwirtschaft nicht bloß eine Literatur, sondern
auch verbesserte landwirtschaftliche Geräte und mancherlei Maschinen,
welche Arbeitskräfte ersparen und die Arbeit selbst erleichtern und be—
schleunigen. An vielen Orten entstanden landwirtschaftliche Schulen,
auf welchen junge Männer für einsichtigere und erfolgreichere Betreibung
der Landwirtschaft vorgebildet werden.
Als im Laufe des 19. Jahrhunderts die Chemie wunderbare schnelle
Fortschritte machte, wandte sie sich auch dem landwirtschaftlichen Betriebe
zu. Sie hat manche Verbesserungen in der Landwirtschaft zustande gebracht;
besonders hat der 1872 in München verstorbene Professor Justus
von Liebig sich um die Agrikulturchemie große Verdienste erworben.
Seiner Forschung namentlich verdankt man die zweckmäßige Anwendung
der künstlichen Düngemittel.
Anfangs hat sich der kleine Landmann gegen Aufnahme mancher
Verbesserungen in der Landwirtschaft gesträubt; aber durch den Erfolg
überzeugt, ist er in der letzten Zeit immer mehr zu ihrer Aufnahme ge—
neigt geworden. Gegenwärtig steht er auf dem Punkte selbst zu einem verständigen
Betrieb der Landwirtschaft überzugehen. Nach Kirchmann.
63. Der Einsluß Karls des Großen (768—814) auf die
Entwicklung der deutschen Landwirtschaft.
Mit Karl dem Großen beginnt ein neuer Zeitabschnitt für den Ackerbau
Deutschlands. Dieser Fürst widmete dem Landbau die eifrigste Sorgfalt,
munterte zur Ausrodung der Wälder auf und überließ denen, welche
solche Arbeit verrichteten, einen Teil des neugewonnenen Bodens als
Grundzins leistendes Eigentum. Und nicht nur durch Gesetze und Verordnungen
suchte er Ackerbau und Viehzucht zu heben, er selbst ging durch
Einrichtung von Musterwirtschaften auf seinen Hausgütern (Meierhöfen)
den Landbauern mit gutem Beispiel voran. Auf alles sah er hier persönlich
und ließ sich selbst die Rechnungen vorlegen.
Noch zwei Jahre vor seinem Tode erließ Karl der Große eine Verordnung
über die Bewirtschaftung seiner Güter, welche über den damaligen
Stand des Ackerbaus höchst wissenswerte Aufschlüsse gibt. Darin wird
gehandelt von der Bebauung der Getreidefelder und der Wiesen, von der
Bewirtschaftung der Wälder, von der Viehzucht, von der Pflege der Pferde,
von der Bienenzucht und bis ins einzelnste vom Gartenbau. So erfahren
wir, auf welche Blumen und Gemüse die deutsche Gärtnerei zu Anfang des
9. Jahrhunderts Fleiß und Sorgfalt verwandte; wir erhalten Kunde, daß
Lilien, Rösen und andere Ziergesträuche gepflegt, daß Kümmel, Fenchel,
Petersilie, Kresse, Gurken, Bohnen, Karotten, Zwiebeln, Lauch, Kerbel,
Rübenkohl und andere Gemüse gezogen wurden. Auch der Obstbau wird
betont und auf die verschiedenen Arten des Stein= und Kernobstes näher