thumbs : Bismarck Die gesammelten Werke. Band 6. (6)

Bismarck  lehnt  im  Haag  jede  Verantwortlichkeit  ab.  323

gehrlichkeit  Frankreichs  täuschen  kann.  Als  nicht  minder  ungünstig  für  Frankreich  muß  ich
die  Wirkung  auf  die  europäischen  Verhältnisse  ansehen.  Daß  man  in  England  die  in  der
Erwerbung  Luxemburgs  liegende  Gefährdung  Belgiens  verkennen  sollte,  ist  nicht  wahrscheinlich;
  und  selbst  wenn  man  für  den  Augenblick  mit  gewohnter  Ruhe  zusähe,  würde  doch
ein  weitgehendes  Mißtrauen  erzeugt  werden.  Daß  dies  Mißtrauen  bei  Rußland  vorhanden
ist,  darüber  wird  man  sich  in  Paris  nicht  täuschen.

Ich  kann  daher  die  Übereilung  und  Unvorsichtigkeit,  mit  der  man  vorgegangen  ist,  und
gegen  welche  ich  oft  gewarnt  habe,  nur  beklagen.

Wenn  der  Kaiser  noch  jetzt  mit  Vorsicht,  Ruhe  und  Mäßigung  zu  Werke  geht,  wozu
die  Aussicht  auf  den  Besuch  der  beiden  Monarchen,⁸  welche  für  ihn  in  Bezug  auf  sein
eigenes  Land  wie  auf  Europa  von  unberechenbarem  Werte  sein  muß,  ihn  vor  allem  bewegen
  sollte:  so  können  die  drohenden  Gefahren  und  Komplikationen  abgewandt  und  die
Wogen  der  öffentlichen  Meinung  beruhigt  werden.  Es  sind  dies  Gesichtspunkte,  welche  ich
Ew.  pp.  mit  Wohlwollen,  aber  eindringlich  geltend  zu  machen  ersuche.  

*727.  Erlaß  an  den  Gesandten  im  Haag  Grafen  von  Perponcher.

(Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.)
Berlin,  den  30.  März  1867.

Der  Gegenstand  Ihres  Immediatberichts  Nr.  36  vom  26.  d.   M.,¹  die  französische  Eröffnung
  im  Haag  wegen  Luxemburg  betreffend,  ist  durch  mein  Telegramm  Nr.  5  vom  29.
d.  M.,¹  infolge  dessen  Ew.  pp.  auch  bereits  laut  Ihres  Telegramms  Nr.  11  vom  29.  d.  M.
die  betreffende  Eröffnung  gemacht  haben,  im  wesentlichen  erledigt.

Ich  habe  noch  zu  bemerken,  daß  ich  mich  gleichlautend  gegen  den  Grafen  Bylandt  ausgesprochen,
  als  derselbe  mir  die  Depesche  übergab,  von  welcher  ich  Ew.  pp.  in  meinem
anderweiten  Erlaß  vom  heutige   Tage²  Abschrift  übersende.  Ich  habe  ihm  gesagt,  daß  wir
auf  diesen  Bersuch  Seiner  Majestät  des  Königs  der  Niederlande,  die  Verantwortlichkeit
einer  in  der  Sache  ihm  vielleicht  angenehmen,  in  der  öffentlichen  Meinung  aber  wenig
günstig  beurteilten  Sache  von  sich  abzulehnen  und  auf  Preußen  zu  übertragen,  nicht  eingehen
  könnten.  Die  Sache  gehe  nicht  uns  direkt,  sondern  den  König  als  Großherzog  von
Luxemburg  an;  und  er  sei  vollkommen  in  der  Lage,  für  sich  selbst  zu  entscheiden,  was  er
seinen  Interessen  für  angemessen  halte,  und  was  er  Europa  gegenüber  verantworten
 könne.³  Unsere  Beteiligung  bei  der  Sache  sei  eine  sekundäre,  und  wir  würden  darüber  nach
unseren  Interessen  befinden.  Wir  könnten  uns  keineswegs  veranlaßt  finden,  durch  eine
vorzeitige  Einmischung,  durch  eine  Äußerung  oder  einen  Rat,  welchen  wir  Seiner  Majestät
dem  König  der  Niederlande  gäben,  oder  gar  durch  eine  Verhandlung  mit  Frankreich,  auf
welche  die  von  ihm  mitgeteilte  Depesche  hindeute,  uns  auf  der  einen  Seite  mit  der  sehr  entschieden
  sich  ausprägenden  öffentlichen  Meinung  in  Deutschland  oder  auf  der  andern  Seite

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727.  1  Der  Immediatbericht  Graf  Perponchers  vom  26.  März  war  nur  eine  breitere  Ausführung  der  telegraphischen
  Meldung  des  Gesandten  vom  gleichen  Tage,  die  Bismarck  durch  seine  Telegramme  vom  27.  und
29.  (siehe  Nr.  720  nebst  Fußnote)  beantwortet  hatte.    

2  Es  handelt  sich  um  die  Depesche  des  Grafen  Zuylen  an  Graf  Bylandt  vom  27.  März,  in  der  die
guten  Dienste  Hollands  angeboten  waren.  Vgl.  Nr.  720,  Vorbem.  Bismarcks  offizielle  Antwort  vom
30.  März  siehe  in  A.  Koller,  Archiv  des  Norddeutschen  Bundes,  I,  1065

3  Die  Worte:  „und  was  er  ..."  eigenhändiger  Zusatz  Bismarcks.