148 30. Erste Forderung für die China-Expedition. (Fortsetzung.)
Ministerium vorwarf, Hongkong wäre gar nichts wert, Hongkong wäre
ein elendes Fiebernest, ein nackter Felsen, ein miserabler Hafen, der niemals
eine chinesische Jolle, geschweige denn ein curopäisches Schiff anlocken
würde. Heute verzeichnet Hongkong einen jährlichen Schiffsverkehr, wenn
ich nicht sehr irre, von zehn bis zwölf Millionen Tonnen Gehalt. Eine
Kolonie kann natürlich nicht aufsprießen wie eine Blume in einer Nacht.
Ich bin aber überzeugt, daß die große Bedeutung von Kiautschon für
unsere Schiffahrt, unseren Handel und unsere Industrie mehr und mehr
sich herausstellen wird.
Einen breiten Raum in den Ausführungen des Herrn Abgeordneten
Richter hat seine Kritik der Reden Seiner Majestät des Kaisers
eingenommen. Die Art und Weise, wie der Herr Abgcordnete Richter
diese Reden kritisiert hat, gibt mir Veranlassung, das nachstehende zu
sagen. Der Herr Abgcordnete Richter hat zunächst die Frage aufgeworfen
von der Verantwortlichkeit hinsichtlich dieser Reden. Ich glaube,
es ist der Art. 17 der Reichsverfassung, der bestimmt, daß der Reichskanzler
die Verantwortung trägt für die Anordnungen und Verfügungen
Seiner Majestät des Kaisers. Der Herr Abgeordnete Richter wird selber
nicht behaupten, daß Reden Seiner Majestät des Kaisers unter eine dieser
beiden Kategorien fallen. Ich möchte aber nicht einen Augenblck zögern,
hier zu erklären, daß ich die volle moralische Verantwortung
übernehme für die Reden Seiner Majestät des Kaisers,
welche auch von der großen Mehrheit der Nation nicht
mißverstanden werden.
(Bravo! rechts. — Heiterkeit links.)
— Meine Herren, ich habe gestern dem Herrn Abgecordneten Bebel mit
der größten Aufmerksamkeit zugehört, er wird mir selbst bezeugen, daß
ich ihn nicht ein einziges Mal durch einen Heiterkeitsansbruch unterbrochen
habe; darum sollte ich glauben, daß man auch mich ruhig ausreden
lassen könnte, denn: eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede;
man muß sie billig hören beede! — Die Rede Seiner Majestät in
Bremerhaven 4) ist gehalten worden in einem Augenblick, wo allgemein
angenommen wurde und angenommen werden mußte, daß alle in Peking
eingeschlossenen Europäer eines martervollen Todes gestorben wären.
Es war nach meiner Auffassung ganz in der Ordnung, daß Seine Majestät
der Kaiser zu den ausrückenden Soldaten in diesem Augenblick als
1) Am 27. Juli 1900; es ist die Rede, in der sich der Satz befindet: „Kommt
ihr an den Feind, so wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht".