Full text : Armee-Verordnungs-Blatt Achter Jahrgang (8)

Heidelberger  Konferenzen.  Verirag  ni.  Osterreich.  Bismarcks  Denkschr.  v.  15.  Dez.  1878.  313

die  Referate  süber  die  wichtigsten  Artikel  zu,  während  die  Freihändler  der  Kommission
wie  die  von  den  Seestädten  ernannten  Mitglieder  sich  mit  den  Tarifpositionen  Spielkarten,
  Kunstgegenstände  2c.  zu  beschästigen  hatten.

Nachdem  dieser  Beschluß  des  Bundesrates  gesaßt  und  in  Wirksamkeit  getreten
war,  erließ  Bismarck  am  15.  Dezember  1878  von  Friedrichsruh  eine  Denkschrift
  an  den  Bundesrat,  welche  seine  gefamte  Wirtschaftsreform  überaus  klar  darlegte:
die  Ziele  der  Tarifreform  durch  das  Streben  nach  Verminderung  der  direkten  und
Vermehrung  der  indirekten  Einnahmen;  die  Rückkehr  zum  Grundsatz  der  Zollpflichtigkeit
  aller  über  die  Grenze  eingehenden  ausländischen  Erzeugnisse;  die  Rechtfertigung
dieser  Maßregel  auch  vom  volkswirtschaftlichen  Standpunkt;  die  Beibehaltung  der  bisherigen
  Schutzzölle,  bez.  die  Wiederherstellung  höherer  oder  Erhöhung  der  gegenwärtigen;
endlich  die  Revision  der  Eisenbahntarife.  Die  Denkschrift  (bei  Poschinger,  S.  170—
177)  ist  bei  weitem  zu  umfänglich,  um  im  Wortlant  mitgeteilt  zu  werden.  Je  klarer
und  sicherer  aber  in  derselben  alle  einschlagenden  Fragen  beantwortet  sind,  um  so  dentlicher
  treten  folgende  Hauptgedanken  darans  hervor:

„In  erster  Linie  steht  für  mich  (bei  der  Revision  des  Zolltarifs)  das  Interesse
der  sinanziellen  Reform“,  beginnt  Bismarck.  Wie  weit  Dentschland  in  der  finanziellen
  Entwickelung  seines  Zollwesens  hinter  anderen  Staaten  zurückgeblieben  ist,
lehrte  eine  der  Denkschrift  anliegende  Ubersicht,  welche  bewies,  daß  während  der  letzten
jünf  bis  sechs  Jahre  das  Dentsche  Reich  erheblich  niedrigere  Zolleinnahmen,  sowohl
im  ganzen  als  nach  dem  Kopf  der  Bevölkerung,  gehabt  habe  als  Frankreich,  Großbritannien
  und  die  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika.  Denn  die  Ubersicht  ergab,
daß  an  Zöllen  vereinnahmt  worden  waren:

im  Deutlschen  Reiche  (1873—77)  119,688,266  Mark;  auf  den  Kopf  2,863  Mark.

in  Frankreich  (1873—76)  177,288,472  Mark;  auf  den  Kopf  4.88  Mark.

in  Großbrikannien  (1.  April  1872/73—1876/77)  412,221,192  Mark;  auf  den  Kopf  12,50  Mark.
in  den  Vereinigten  Staalen  (1.  Juli  1872/73—1876/77)  62,994,645  M.;  aus  den  Kopf  16,31  M.

Dabei  waren  die  großen  Einnahmen  nicht  mitgerechnet,  welche  Frankreich  und
Italien  „an  Stelle  des  Zolles  vom  ausländischen  Tabak  in  der  Form  des  Monopolertrages
  beziehen,  und  welche  zu  gunsten  der  Gemeinden  als  Oktroi  erhoben  werden“.
„Es  beruht  nicht  auf  Zufall“,  hieß  es  weiter,  „daß  andere  Großstaaten,  zumal  solche
mit  weit  vorgeschrittener  politischer  und  wirtschaftlicher  Entwickelung,  die  Deckung  ihrer
Ausgaben  vorzugsweise  in  dem  Ertrag  der  Zölle  und  indirekten  Stenern  suchen.“
Demn  die  direkte  Stener,  welche  dem  einzelnen  Stenerpflichtigen  in  einem  im  vorans
sestgestellten  Betrage  abgefordert  und  nötigen  Falls  durch  Zwang  von  ihm  beigetrieben
wird,  wirke  ihrer  Natur  nach  drückender  als  jede  indirekte  Abgabe,  welche  nach  dem
Umsang  des  Verbrauchs  der  bestenerten  Gegenstände  und  von  dem  einzelnen  Konsnmenten
  in  der  Regel  nicht  besonders,  sondern  in  und  mit  dem  Preise  der  Waren  entrichtet
  wird.  Die  direlten  Abgaben,  einschließlich  der  Gemeindeabgaben,  seien  im
größten  Teile  von  Deutschland  drückend  hoch  und  wirtschaftlich  unberechtigt.  Am  meisten
leiden  unter  denselben  die  Mittelklassen  mit  einem  Einkommen  bis  zu  6000  Mark.
Soll  die  Stenerreform  in  ihren  Erleichterungen  bis  zu  diesen  Grenzen  reichen,  so  muß