Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Zehnter Jahrgang. 1869. (10)

420  Pelgken.

ligen  würde.  Trotz  dieser  Mittheilung  wurde  das  bezügliche  Abkommen
20  Tage  später  definitiv  von  den  beiden  betreffenden  Gesellschaften  unterzeichnet.
Auf  diese  Beleidigung  Belgiens  glaubte  die  Regierung  mit  der  Einbringung
des  Gesetzentwurfs  antworten  zu  müssen.

15.  Febr.  Die  officiöse  und  zumal  die  chauvinistische  Pariser  Presse  spricht
sich  mit  Heftigkeit  gegen  das  von  der  II.  Kammer  beschlossene  Eisenbahngesetz
  aus  und  behauptet,  daß  Belgien  von  Preußen  dazu  aufgehetzt
  worden  sei.

17.  „  Der  Kriegsminister  Renard  geht  nach  Paris.  Das  von  der
II.  Kammer  beschlossene  Eisenbahngesetz  wird  inzwischen  auch  im
Senat  eingebracht.

20.  „  Senat:  Debatte  über  das  Eisenbahngesetz.  Die  Commission
trägt  (mit  nur  4  gegen  3  Stimmen)  auf  Genehmigung  an.  Rede
des  Ministerpräsidenten.  Das  Gesetz  wird  schließlich  mit  36
gegen  7  Stimmen  (mehrere  Senatoren  enthalten  sich  der  Abstimmung)

  angenommen.

Frere-Orban:  konstatirt  vorerst  den  tiefen  Eindruck,  den  die  Vorlage
des  Gesetzes  in  Frankreich  und  zwar  nicht  bloß  bei  einigen  annexionslustigen
Tagesblättern,  sondern  in  unbefangenen  Kreisen,  welche  sonst  gegen  Belgien
billig,  ja  freundlich  gesinnt  seien,  gemacht  habe.  Es  möge  richtig  sein,  daß
die  unerwartete  Vorlage  des  Gesetzes,  die  sofortige  Ueberweisung  desselben  an
eine  Specialcommission,  seine  einigermaßen  eilige  Discussion  und  Annahme
geeignet  waren,  auswärts  Aufsehen  zu  erregen.  Doch  sei  für  den,  der  die
ganze  Angelegenheit  aufmerksam  verfolgt,  die  Gesetzesvorlage  nicht  aus  den
Wolken  gefallen.  Schon  seit  drei  Monaten  habe  die  eventuelle  Abtretung  gewisser
  Eisenbahnstrecken  in  Belgien  die  Gemüther  erregt  und  namentlich  in
der  Presse  eine  Bewegung  hervorgerufen,  die  sich  mitunter  zur  Leidenschaft
steigerte.  Die  Aufregung  war  eine  solche,  daß  ein  Mitglied  in  der  andern
Kammer  die  Regierung  über  die  Angelegenheit  interpellirt  habe.  Die  Regierung
  habe  noch  am  11.  Dec.  v.  J.  in  der  ausdrücklichsten  Weise  erklärt,  die
gefürchtete  Eisenbahnabtretung  werde  nicht  stattfinden.  Diese  Erklärung  habe
im  ganzen  Lande  zustimmenden  Wiederhall  gefunden.  Außerhalb  und  namentlich
  in  Frankreich  habe  man  dagegen  gar  keine  Notiz  von  derselben  genommen;
die  Presse  habe  die  Ereignisse  in  Belgien  todtgeschwiegen.  Unter  diesen  Umständen
  könne  man  sich  nicht  wundern,  wenn  selbst  wohlwollende  und  unparteiische
  Leute  bei  der  Nachricht  von  der  Vorlage  des  Gesetzes  wie  aus  einem
Traum  erwachten  und  dieselbe  als  einen  unbegreiflichen  Act  der  Feindseligkeit
gegen  Frankreich  qualificirten;  sie  wissen  aber  nicht,  was  ihr  vorhergegangen
ist  und  sie  herbeigeführt  hat.  Die  in  ihrem  materiellen—Interesse  vom  Gesetz
Betroffenen  haben  natürlich  sich  wohl  gehütet,  die  öffentliche  Meinung  in  der
Sache  aufzuklären.  Unter  dem  Gewicht  dieser  Sachlage  sei  man  selbst  so
weit  gegangen,  zu  behaupten,  die  belgische  Regierung  habe  unter  dem  Einfluß
einer  fremden  Macht  gehandelt.  „Wir  sollen  also,  sagt  der  Minister,  gegen
unsere  Pflicht  und  in  Verkennung  unserer  theuersten  Interessen  Theil  genommen
  haben  an  einer  elenden  Intrigue,  angezettelt,  um  Frankreich  zu  verletzen,
um  Uneinigkeit  hervorzurufen,  deren  Opfer  wir  vielleicht  sein  könnten,  um
zwei  große  Mächte  in  Kampf  zu  bringen,  welche  der  Stolz  der  europäischen
Civilisation  sindl  Und  warum?  Zu  welchem  Zweck?  Welchen  Vortheil  könnten
  wir  aus  einem  solchen  Manöver  ziehen  ?“  „Ich  kann  nicht  sagen,  fährt
der  Minister  fort,  daß  ich  die  Ehre  habe,  Hrn.  v.  Bismarck  zu  kennen.  Ich
habe  ihn  einmal  in  meinem  Leben  hier  in  Brüssel  zufällig  im  Gedränge  eines
Salons  gesehen.  Bismarck  begleitete  damals  den  König  von  Preußen  auf