Full text : Europäischer Geschichtskalender. Chronik und geschichtlicher Überblick der denkwürdigen Jahre 1870 und 1871. Zweiter Band. (11a)

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                      Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

Allgewalt  und  Unfehlbarkeit  des  Papstes  erkläre.  Zugleich  wird  versichert
daß  in  naher  Zeit  wieder  eine  Zusammenkunft  und  Berathung  deutscher  Bischöfe
  zu  Fulda  stattfinden  werde.  Als  im  Jahre  1848  eine  Versammlung
aller  deutschen  Bischöfe  zu  Würzburg  gehalten  wurde,  erwies  man  mir  die
Ehre,  mich  zu  derselben  einzuladen,  und  nahm  ich  an  den  dort  gepflogener
Verhandlungen  Theil.  Vielleicht  könnten  nun  Eure  Excellenz  veranlassen,  daß
auch  auf  dieser  bevorstehenden  Versammlung  mir,  nicht  etwa  eine  Theilnahme
an  den  Berathungen,  sondern  nur  ein  geneigtes  Gehör  für  wenige  Stunden
bewilligt  würde.  Ich  bin  nämlich  erbötig,  vor  der  hohen  Versammlung  folgende
  Sätze  zu  erweisen,  welche  für  die  gegenwärtige  Lage  der  deutschen  Kirche
und  für  meine  persönliche  Stellung  von  entscheidender  Wichtigkeit  sein  dürften
Erstens:  Die  neuen  Glaubensdecrete  stützen  sich  zur  Begründung  aus  der
heiligen  Schrift  auf  die  Stellen  Matth.  16,  18,  Joh.  21,  17  und,  was  die
Unfehlbarkeit  betrifft,  auf  die  Stelle  Lukas  22,  32,  mit  welcher  dieselbe,
biblisch  angesehen,  steht  und  fällt.  Wir  sind  nun  aber  durch  einen  feierlichen
  Eid,  welchen  ich  zweimal  geleistet  habe,  verpflichtet,  die  heil.  Schrift
„nicht  anders,  als  nach  dem  einstimmigen  Consensus  der  Väter  anzunehmen
und  auszulegen.“  Die  Kirchenväter  haben  alle,  ohne  Ausnahme,  die  fraglichen
  Stellen  in  einem  von  den  neuen  Decreten  völlig  verschiedenen  Sinn
ausgelegt,  und  namentlich  in  der  Stelle  Lukas  22,  32  nichts  weniger  als
eine  allen  Päpsten  verliehene  Unfehlbarkeit  gefunden.  Demnach  würde  ich,
wenn  ich  mit  den  Decreten  diese  Deutung,  ohne  welche  dieselben  des  biblischen
Fundaments  entbehren,  annehmen  wollte,  einen  Eidbruch  begehen.  Dieß  vor
den  versammelten  Bischöfen  darzuthun,  bin  ich,  wie  gesagt,  bereit.  Zweitens:
In  mehreren  bischöflichen  Hirtenbriefen  und  Kundgebungen  aus  der  jüngsten
Zeit  wird  die  Behauptung  entwickelt,  oder  der  geschichtliche  Nachweis  versucht,
daß  die  neue  zu  Rom  verkündigte  Lehre  von  der  päpstlichen  Allgewalt  Über
jeden  einzelnen  Christen  und  von  der  päpstlichen  Unfehlbarkeit  in  Glaubensentscheidungen
  in  der  Kirche  von  Anbeginn  an  durch  alle  Jahrhunderte  hindurch
  und  immer  allgemein,  oder  doch  beinahe  allgemein,  geglaubt  und  gelehrt
  worden  sei.  Diese  Behauptung  beruht,  wie  ich  nachzuweisen  bereit  bin,
auf  einer  vollständigen  Verkennung  der  kirchlichen  Ueberlieferung  im  ersten
Jahrtausend  der  Kirche  und  einer  Entstellung  ihrer  Geschichte;  sie  steht  im
Widerspruche  mit  den  klarsten  Thatsachen  und  Zeugnissen.  Drittens:  Ich  erbiete
  mich  ferner,  den  Beweis  zu  führen,  daß  die  Bischöfe  der  romanischen
Länder,  Spanien,  Italien,  Südamerika,  Frankreich,  welche  in  Rom  die  immense
  Mehrheit  gebildet  haben,  nebst  ihrem  Clerus  schon  durch  die  Lehrbücher,
  aus  welchen  sie  zur  Zeit  ihrer  Seminarbildung  ihre  Kenntnisse  geschöpft
  haben,  bezüglich  der  Materie  von  der  päpstlichen  Gewalt  irre  geführt
worden  waren,  da  die  in  diesen  Büchern  angeführten  Beweisstellen  großentheils
falsch,  erdichtet  oder  entstellt  sind.  Ich  will  dieß  nachweisen  einmal  an  den
beiden  Hauptwerken  und  Lieblingsbüchern  der  heutigen  theologischen  Schulen
und  Seminarien,  der  Moraltheologie  des  S.  Alfons  Liguori  (speciell  des
darin  befindlichen  Tractats  vom  Papste)  und  der  Theologie  des  Jesuiten  Perrone,
  dann  auch  an  den  zur  Zeit  des  Concils  in  Rom  ausgetheilten  Schriften
des  Erzbischofs  Cardoni  und  des  Bischofs  Ghilardi,  sowie  endlich  an  der
Theologie  des  Wiener  Theologen  Schwetz.  Viertens:  Ich  berufe  mich  auf
die  Thatsache  und  erbiete  mich,  sie  öffentlich  zu  beweisen,  daß  zwei  allgemeine
Concilien  und  mehrere  Päpste  bereits  im  15.  Jahrhundert  durch  feierliche,
von  den  Concilien  verkündigte,  von  den  Päpsten  wiederholt  bestätigte  Decrete
die  Frage  von  dem  Machtumfange  des  Papstes  und  von  seiner  Unfehlbarkeit
entschieden  haben,  und  daß  die  Decrete  vom  18.  Juli  1870  im  grellen  Widerspruche
  mit  diesen  Beschlüssen  stehen,  also  unmöglich  verbindlich  sein  können.
Fünftens  glaube  ich  auch  dieß  beweisen  zu  können,  daß  die  neuen  Decrete
schlechthin  unvereinbar  sind  mit  den  Verfassungen  der  europäischen  Staaten,
insbesondere  mit  der  bayrischen  Verfassung,  und  daß  ich  schon  durch  den  Eid