8 68. Der Reichskanzler. 313
zweige die Reichsgesetze durch ihre Behörden zur Ausführung bringen
zu lassen.
Inwieweit der Kanzler als Reichsminister verantwortlich sei,
ist sehr bestritten. Art 17 hat offenbar nicht nur eine sogen. politische
oder moralische Verantwortlichkeit aufstellen wollen. Verfassungsurkunden
sprechen Rechtssätze aus. Es besteht sonach eine rechtliche
Verantwortlichkeit, da übrigens auch der Kanzler von §& 13 des
Reichsbeamtengesetzes nicht ausgeschlossen ist. Legt er aber über seine
Amtsthätigkeit keine Rechenschaft ab, so gibt es kein Zwangsmittel:
und in dieser Hinsicht sieht die Kanzlerverantwortlichkeit aufs Haar
der preußischen Ministerverantwortlichkeit ähnlich: hier wie dort sind
die Rechtssätze über die Verantwortlichkeit leges imperleetae.
IV. Die Stellvertreter des Reichskanzlers.
Die Reichsverfassung hatte nur eine Stellvertretung des Kanzlers
im Vorsitze des Bundesrates (Art. 15) vorgesehen. Es konnte trotzdem
keinem Zweifel unterliegen, daß der Kaiser befugt war, einen
Stellvertreter des Kanzlers zu bestellen, sowie daß der Kanzler, wie
jeder Chef einer Behörde, die Erledigung von Geschäften den zu
seiner Unterstützung angestellten Beamten übertragen vurfte. Die
Verantwortlichkeit blieb in diesen Fällen beim Reichskanzler. Um
jedoch die Frage nach der Zulässigkeit der Stellvertretung parlamentarischem
Streite zu entziehen und zugleich um den Kanzler bei
zunehmender Geschäftsüberbürdung von der Verantwortlichkeit zu
entlasten, wurde das Stellvertretungsgesetz vorgelegt, welches nach
langen Reichstagsverhandlungen am 17. März 1878 verkündet ward.
Dies Gesetz betrifft lediglich die unter III. geschilderte Stellung des
Kanzlers, während für seine unter II. gekennzeichnete Thätigkeit
Verfassungsurkunde Art. 15 maßgebend bleibt. ·
Nach diesem Gesetze können für den Kanzler Stellvertreter ernannt
werden. Die Ernennung derselben ist wie die Ernennung
des Kanzlers ein Recht des Kaisers. Voraussetzung ist aber: Behinderung
und ein Antrag des Kanzlers. Unter Behinderung ist
nicht nur die persönliche Behinderung durch Urlaub, Krankheit u. s. w.,
1 Annalen 1878 S. 761; Hahn, Bismarck III S. 354 ff.