Full text : Die Hohenzollern und ihr Werk.

270  Erwerbung  der  Königskrone  und  Ausbau  des  militärischen  Großstaats  1688—1740.

sächsischen  Landesuniversität  Leipzig,  die  in  den  alten  Geleisen  der  lutherischen
Orthodoxie  und  einer  trockenen,  scholastischen  Jurisprudenz  verharrte  und  die
freieren  Geister  von  sich  stieß,  die  sich  in  Halle  sammelten,  wie  Thomasius  und
Francke.  Auf  dieser  Hochschule  sollten  nun  vor  allem  die  Beamten  und  die
Pastoren  für  den  neuen  Großstaat  gebildet  werden,  Männer,  die  nicht  mehr  in
dem  engen  Gesichtskreis  des  ständisch-partikularistischen  Kleinstaats  und  der
eng  damit  verschwisterten  lutherischen  Orthodoxie  aufgewachsen  waren,  sondern
mit  freierem  und  weiterem  Blick  die  Ziele  großstaatlicher  Macht=  und  Wohlfahrtspolitik
  im  monarchischen  Geiste  zu  fördern  und  die  durch  die  Staatsräson
gebotene  gegenseitige  Toleranz  der  Bekenntnisse  zu  üben  verstanden:  Beamte,  die
von  dem  alles  überwindenden  Grundsatz  der  salus  publica  durchdrungen  waren;
Geistliche,  die  das  Hauptgewicht  auf  das  innere  Glaubensleben  und  auf  die
praktische  Betätigung  des  Christentums  legen  sollten.  Hier  hat  Thomasius  mit
der  jugendlichen  Frische,  die  ihn  charakterisiert,  zuerst  den  Versuch  gewagt,  in
den  Vorlesungen  die  deutsche  statt  der  herkömmlichen  lateinischen  Sprache  anzuwenden;
  hier  hat  er  in  Wort  und  Schrift  gegen  die  Hexenprozesse,  gegen  die
Anwendung  der  Tortur  im  Strafprozeß  geeifert,  große  praktische  Reformen
vorbereitet  und  der  Humanität  einen  Dienst  geleistet,  der  für  alle  Zeiten  ein
Ruhmestitel  der  Hallischen  Hochschule  bleiben  wird.  «

Jeder  der  hauptsächlichsten  Landesteile  der  preußischen  Monarchie  hatte
jetzt  seine  besondere  Universität:  die  Marken  Frankfurt  a.  O.,  Preußen  seine
Albertina;  die  rheinischen  Lande  Duisburg,  Magdeburg  die  neue  Hallische  Hochschule,
  die  zwischen  den  zwei  lutherischen  und  der  reformierten  den  neuen  Typus
einer  Universität  darstellt,  die  nicht  mehr  auf  dem  eng  konfessionellen,  sondern
auf  einem  freieren,  den  Streit  der  Bekenntnisse  versöhnenden  geistigen  Boden
erwachsen  ist.

So  gewann  das  geistige  Leben  der  Nation  seine  ersten  engeren  Beziehungen
zu  dem  Hohenzollernstaat;  und  seine  Pflege  wurde  eine  Aufgabe,  welche  dies  aus
Armut  und  Unkultur  allmählich  aufstrebende  Zeitalter,  das  noch  immer  vom
Lärm  der  Waffen  erfüllt  war,  späteren  Geschlechtern  hinterließ.  Noch  mehr  als
die  Wissenschaft  aber  war  die  bildende  Kunst,  wie  sie  sich  in  der  damals  etwa
20  000  Einwohner  zählenden  Haupt=  und  Residenzstadt  Berlin  entfaltete,  auf
die  Anregung  und  Unterstützung  des  fürstlichen  Mäzens  angewiesen.  Auch
hier  schwebte  das  Beispiel  Frankreichs  und  Ludwigs  XIV.  vor,  das  den  holländischen
  Kunstgeschmack,  wie  ihn  der  Große  Kurfürst  begünstigt  hatte,  bald  ganz
und  gar  zurückdrängte.  Daneben  freilich  wirkte  das  Beispiel  Italiens  ein.  Nach
dem  Muster  von  Paris  und  Rom  wurde  schon  unter  Danckelmans  Staatsleitung,
1696,  in  Berlin  eine  Akademie  der  Künste  begründet,  die  zugleich  eine  hohe
Schule  für  fortgeschrittene  Kunstjünger  und  eine  anregende  Vereinigung  von
Meistern  und  Freunden  der  Kunst  sein  sollte.  Sie  erhielt  ihr  Heim  in  einem
nach  den  Plänen  eines  französischen  Architekten  von  verschiedenen  Baumeistern,
darunter  Nering  und  Schlüter,  hergestellten  neuen  Marstallgebäude,  das  von
der  Straße  Unter  den  Linden  bis  zur  Dorotheenstraße  reichte  und  in  dem  später
auch  der  Sozictät  der  Wissenschaften  Räume  zur  Verfügung  gestellt  wurden.

Eine  wirkliche  Kunstuniversität  ist  diese  Akademie  noch  nicht  geworden,
und  auch  das  Interesse  der  Hofleute  und  des  Adels,  auf  das  man  gerechnet  hatte,
ließ  zu  wünschen  übrig.  Die  Hauptsache  war,  daß  vom  Hofe  selbst  eine  lebhafte