Volltext : Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

34  Dr.  Otto  Hoetzsch

aus  Deutschland  herausgedrängte  österreichische  Reich  zum  Freunde  gewonnen
  werden  müßte.

3.  Dann  schuf  er  das  Reich  im  Kriege  gegen  Frankreich.  Sowohl  der
Krieg  mit  Österreich  wie  der  mit  Frankreich  war  dabei  von  ihm  diplomatisch
in  großartigster  Weise  vorbereitet  und  geleitet  worden,  indem  er  in  beiden
Kriegen  die  Sicherung  des  Rückens  durch  die  freundliche  Haltung  Rußlands
und  seines  Zaren  Alexanders  II.  hatte  und  indem  es  ihm  gelang,  das  unter
der  Maske  der  Neutralität  sich  schon  eindrängende  England  aus  der  ganzen
Beendigung  des  Krieges  von  1870  fernzuhalten.  Danach  war  es  sein  Ziel,
seinem  Reich  den  Frieden  zu  erhalten  und  den  Schutz  gegen  ein  Revanchebedürfnis
  Frankreichs,  das  er  immer  für  sehr  stark  und  vor  allem  für  sehr
dauerhaft  gehalten  hat.  Deshalb  kam  es  darauf  an,  im  Osten  mit  den  beiden
Kaiserreichen,  Rußland  und  Österreich-Ungarn,  in  guten  Verhältnissen  zu
leben.  Dann  blieb,  da  England  auf  diese  Weise  gar  nicht  eingreifen  konnte,
Frankreich  hoffnungslos  vereinzelt.

b)  Der  Abschluß  des  Bündnisses  mit  Österreich-Ungarn.

1.  Der  Kanzler  hat  diese  Politik  trotz  lebhaftesten  Bemühens  noch  nicht
ein  Jahrzehnt  lang  nach  1820  durchführen  können.  Zwischen  Rußland  und
Österreich-Ungarn  standen  die  gegensätzlichen  Interessen  in  der  orientalischen
Frage.  Österreich-Ungarn  wollte  nichts  anderes,  als  sich  dort  wirtschaftlich
ausdehnen  können  und  vor  allem  gegen  die  Strömung  gesichert  sein,  die
seit  den  vierziger  Jahren  als  Panslawismus  entstanden  war.  Diese  Bewegung,
  die  sich  auf  die  Gemeinsamkeit  der  Sprache  und  Konfession
zwischen  Rußland  und  den  Balkanstaaten  stützt,  wollte  im  Grunde  nichts
anderes  als  die  Unterwerfung  der  Balkanstaaten  unter  Rußland,  womit
das  Schicksal  der  Türkei  von  selbst  erledigt  war,  und  wollte  damit  auch
die  Zertrümmerung  Österreichs;  sei  es  von  Süden  her,  indem  von  Serbien
aus  diese  Wühlereien  in  die  Serben  und  Kroaten,  überhaupt  die  Südslawen
Österreichs  hereingetragen  wurden,  sei  es  im  Norden,  wo  man  versuchte,
in  Galizien  und  unter  den  Tschechen  für  den  Panslawismus  zu  werben
(s.  Artikel  III  A.)

Mit  den  Aufständen  in  Bosnien  1875  und  Bulgarien  1876  und  der
großen  inneren  Krisis,  die  damit  für  die  Türkei  entstand,  kam  diese
orientalische  Frage  wieder  in  das  Rollen.  Wir  wissen,  womit  schon  über
die  Beziehungen  Deutschlands  zur  Türkei  etwas  gesagt  wird,  daß  Bismarck
grundsätzlich  eigene  Interessen  Deutschlands  an  der  orientalischen  Frage
leugnete.  Er  hat  das  in  den  bekannten  Worten  von  den  Knochen
des  pommerschen  Grenadiers,  wie  in  einem  Epigramm,  und  im
20.  Kapitel  der  Gedanken  und  Erinnerungen  ausführlicher  ausgesprochen.
Für  ihn  kam  es  nur  darauf  an,  daß  aus  dieser  orientalischen
Frage  nicht  Funken  aufsprängen,  an  denen  sich  ein  Weltkrieg  entzünden
  könnte,  ein  Weltkrieg,  in  den,  wie  er  voraussah,  Frankreich
selbstverständlich  eintrat  und  dessen  Hauptkosten  dann  die  militärische
Kraft  des  Deutschen  Reiches  zu  tragen  hatte.  Nun  war  es  aber  für
ihn  nicht  möglich,  diese  Beruhigungs-  und  Ausgleichspolitik  durch-