II. Die Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Verbündeten 33
zuführen, als die panslawistische Bewegung in Rußland stärker um sich
griff und als, von ihr geschoben, Kaiser Alexander II. von seinem Oheim
Kaiser Wilhelm I. die unbedingte Unterstützung Rußlands durch Deutschland
in einem möglichen Kriege gegen Österreich-Ungarn verlangte. Damit wurde
eine Schicksalsfrage an Deutschland gestellt, deren Entscheidung seine Geschicke
auf Menschenalter hinaus bestimmt hat. Bismarck sah die Folgen des
russischen Ansinnens sofort voraus, und wie er über eine Möglichkeit dachte,
daß Österreich-Ungarn seiner slawischen Bestandteile zugunsten Ruß-
lands beraubt würde, dafür seien zwei schlagende Worte angeführt. An
der genannten Stelle der Gedanken und Erinnerungen sagt er: „Die Er-
haltung der österreichisch-ungarischen Monarchie als einer starken Großmacht
in Europa ist für Deutschland ein Bedürfnis des Gleichgewichts in Europa,
für das der Feind des Landes bei eintretender Notwendigkeit mit gutem
Gewissen eingesetzt werden kann.“ Und noch etwas wärmer und schärfer in
der Februarrede 1888: „Denken Sie sich Österreich-Ungarn von der
Bildfläche Europas weg, so sind wir zwischen Rußland und Frankreich
auf dem Kontinent mit Italien isoliert, mit den beiden stärksten Militär-
mächten neben Deutschland, wir ununterbrochen zu jeder Zeit einer gegen
zwei, mit großer Wahrscheinlichkeit, oder abhängig abwechselnd von einem
oder vom anderen. So kommt es aber nicht. Man kann sich Österreich nicht
wegdenken: ein Staat wie Österreich verschwindet nicht, sondern ein Staat
wie Österreich wird dadurch, wenn man ihn im Stich läßt entfremdet
und wird geneigt werden, dem die Hand zu bieten, der seinerseits der Gegner
eines unzuverlässigen Freundes gewesen ist.“ Manchem wird heute diese
Formulierung des Zweibundes sehr nüchtern vorkommen, aber kann man
sich eine staatsmännischere Fassung denken, als sie Bismarck damit ausspricht?
Dachte er so, so war ihm selbstverständlich, daß er das Ansinnen Rußlands
ablehnen mußte. Und nun, wie Bismarck nie politisch einen halben Schritt
tat, nie in diesen gefährlichsten Fehler einer schlechten Staatspolitik ver-
fiel, wußte er sofort, daß das ein engeres Verhältnis mit Österreich-Ungarn
geradezu erzwang. Jetzt lohnte es sich hundertfältig, daß er 1866 seinen
königlichen Herrn vermocht hatte, Österreich-Ungarn nicht durch Landabtretung
dauernd zu verfeinden. Jetzt konnte derselbe Staatsmann, der Österreich
niedergeworfen hatte, das Bündnis mit ihm schließen, und die Gunst des
Schicksals fügte es, daß auf der anderen Seite ein Staatsmann da war, der
alles dieses vollständig verstand: Graf Julius Andrassy, mit dem der ent-
scheidende Vertrag vom 16. Oktober 1870 abgeschlossen worden ist. Das
ist das erste Fundament auch der künftigen Bündnisbeziehungen
Deutschlands.
2. Nach seiner großartigen Weise hat Bismarck sofort das Bündnis auch
ganz festziehen wollen. Er dachte sich, daß es in die Verfassungen aufgenommen
werden und dadurch in seiner Kraft noch gestärkt würde, er wollte es vor
allem auch gleich allgemein gestalten, auf Leben und Tod schlechthin. Das
hieß: nicht nur für mögliche Gegensätze zwischen Österreich und Rußland,
in denen Deutschland seine Hilfe zusagte, sondern auch für einen möglichen
Krieg Deutschlands mit Frankreich, für den Österreichs Hilfe gewonnen
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