Volltext : Erinnerungen des Kronprinzen Wilhelm.

arbeiter  neu  in  seine  Umwelt  tritt.  Die  Gegenwart  und
Zukunft  sah  und  beurteilte  er  stets  nur  im  Spiegel  seiner
ureigensten  Gedankenwelt,  die  umso  unwirklicher  wurde,
je  härter  und  unerbittlicher  der  verborgene  und  offene
Kampf  um  unser  nationales  Bestehen  im  Reiche  und
außen  entbrannte,  je  rauher  das  Geschick  ein  Stück  dieser
Ideenwelt  nach  dem  anderen  zerschlug.

Einen  hohen  Platz  in  der  von  einer  ritterlichen  Ge—
sinnung  getragenen  Ethik  des  Kaisers  nimmt  der  Begriff
der  Treue  ein.  Er  fordert  sie  restlos,  und  kaum  irgend
ein  anderer  Verstoß  trifft  ihn  schwerer  als  Handlungen
oder  Unterlassungen,  die  er  als  Treubruch  wertet.  Ein
Beispiel  nur:  Niemals  hat  er  in  seinem  Herzen  dem
Fürsten  Bülow  jene  Novembertage  des  Jahres  1908
verziehen,  an  denen  der  Reichskanzler  ihm  nicht  die  Rücken—
deckung  gewährte,  die  er  gerade  damals  erwarten  durfte.
In  der  Tat  bedeuteten  jene  schweren  Novemberkonflikte
mit  ihren  stürmisch  aufbrausenden  Reichstagssitzungen
und  ihrer  Flut  von  Zeitungsangriffen  für  ihn,  wenn
ich  die  Dinge  recht  erkenne,  weit  mehr  als  einen  Echec
seiner  kaiserlichen  Stellung  und  Würde.  Allein  als  sol—
cher  stellte  sich  die  Wirkung  vielleicht  den  Außenstehenden
  dar.  Ich  habe  damals  wohl  tiefer  in  das  Herz  mei—
nes  Kaiserlichen  Vaters  sehen  können  als  irgend  ein
Mensch  sonst,  außer  meiner  lieben  Mutter,  und  ich  bin
von  der  Überzeugung  durchdrungen,  daß  sein  Selbst—
vertrauen  unter  jenen  für  ihn  kaum  faßbaren  und  kaum
erträglichen  Eindrücken  einen  Bruch  bekam,  von  dem
es  sich  nie  wieder  ganz  erholte.  Seine  bis  dahin  unver—
zagte  Entschlußfreudigkeit  und  Willenskraft  sind  in  jenen
Tagen  geknickt,  und  ich  glaube,  daß  die  Geburtsstunde  des

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