Full text : Entwickelung und Stand des höheren Mädchenschulwesens in Deutschland.

Entwickelung  und  Stand  des  höheren  Mädchenschulwesens
  in  Deutschland.

A.  Im  allgemeinen.

Das  frühere  Mittelalter  zeigt  in  Deutschland  eine  sehr
rege  Förderung  geistiger  Kultur  bei  den  Frauen.  Weit  eher
als  bei  den  Männern  aus  dem  Laienstande  fand  man  bei  ihnen
die  Anfänge  einer  gelehrten  Bildung,  die  schwierige  Kunst  des
Lesens  und  Schreibens  sowie  die  zum  Verständnis  des  Psalters
nötige  litterarische  Bildung.  Das  Psalmenbuch  wurde  daher
auch  zu  den  der  Frau  zufallenden  Erbstücken  gerechnet.
Schon  zur  Zeit  Karls  des  Grolsen,  besonders  aber  unter
den  Ottonen  begegnen  uns  geistliche  und  weltliche  Frauen,
die  auf  einer  Höhe  gelehrter  Bildung  stehen,  wie  sie  selbst
von  hervorragenden  Vertretern  der  Geistlichkeit  selten  erreicht
  wurde.  Die  feine  Bildung  der  vornehmen  Frauen  betrachtete
  man  später  als  einen  besonderen  Vorzug  dieses  Zeitalters.
  Einen  Unterschied  zwischen  männlicher  und  weiblicher
Bildung  gab  es  dabei  nicht;  hatte  man  die  Elementarkenntnisse
  errungen  und  die  Fächer  des  Triviums  absolviert,  so
drang  man  auch  wohl  noch  je  nach  Bedürfnis  und  Anlage  in
die  Geheimnisse  des  Quadriviums  ein.

Die  wichtigsten  Bildungsstätten  waren  die  Klosterschulen.
Seit  dem  zehnten  Jahrhundert  war  in  den  vornehmen
Ständen  Deutschlands  die  Sitte  fast  allgemein  geworden,  die
Töchter  in  den  Klöstern  ausbilden  zu  lassen.  Im  elften  und
zwölften  Jahrhundert  finden  wir  besonders  in  den  süddeutschen

H.  Lange,  höheres  Mädchenschulwesen.  1