Full text : Gesetz- und Verordnungsblatt für das Königreich Sachsen vom Jahre 1907. (73)

Dentsqes  Rrit.  (Januar  7.)  11

oppositionellen  Abg.  im  Reichstag  und  um  Maßregeln  zum  Schutze  des
Parteistatuts  und  der  Organisationen  sowie  um  die  Sicherung  der  Eigentumsrechte
  der  Genossen  an  ihren  Zeitungen".  Anwesend  sind  19  Reichstagsabg.
  und  138  Delegierte,  davon  35  Mitglieder  der  Spartacusgruppe.
Vertreten  sind  72  Kreise.

In  dem  einleitenden  Referate  weist  Abg.  Paase  (  (Vorsitz.  d.  Soz.
Arb.)  zunächst  die  Erklärung  des  Parteivorstandes  (s.  S.  4)  zurück,  daß
die  Besprechung  einen  Bruch  des  Organisationsstatuts  bedeute.  Der  Parteivorstand
  habe  ein  für  allemal  das  Recht  verwirkt,  anderen  Parteigenossen
diesen  Borwurf  zu  machen.  Er,  der  sich  unter  dem  Belagerungszustand
von  der  Militärbehörde  den  „Vorwärts“  habe  in  die  Hände  spielen  lassen,
habe  selbst  einen  klaren  Bruch  des  Organisationsstatuts  verübt;  er,  der
selbst  neben  rechtmäßigen  Berliner  Organisationen  Sonderorganisationen,
so  den  Diskutierklub  „Vorwärts“,  pflegt  und  schützt,  habe  kein  Recht,  gegen
Sonderorganisationen  aufzutreten.  H.  gibt  dann  eine  Charakteristik  der
Polr#tik  des  Parteivorstandes  und  der  alten  Fraktion,  wie  sie  zum  Ausdruck
kommt  zunächst  im  neuen  „Vorwärts“,  dessen  Niveau  tief  gesunken  sei.
Nicht  grundsätzliche  Aufklärung,  sondern  Verwischung  der  Klassengegensätze
betreibe  der  „Vorwärts“,  der  im  Ausland  nicht  mehr  als  Organ  der
Sozialdemokratie,  sondern  als  offiziöses  Organ  der  deutschen  Regierung
angesehen  werde.  Jede  Scheinkonzession  der  Regierung  werde  begrüßt  als
wertvolle  Bereicherung  der  Kulturgüter  des  Proletariats.  Das  gelte  auch
für  die  Friedensfrage,  in  der  sich  die  alte  Fraktion  durchaus  als  Werkzeug
Bethmann  Hollwegs  behandeln  lasse,  der  nicht  daran  denke,  die  Friedensziele
  der  Sozialdemokratie  zu  vertreten.  Die  selbstverständliche,  den  demokratischen
  Grundsätzen  entsprechende  Forderung,  im  Reichstage  zu  der
Friedensrede  des  Kanzlers  das  Wort  zu  nehmen,  sei  von  der  alten  Fraktion
  abgelehnt  worden,  nachdem  die  Regierung  es  gewünscht  habe.  Sie
habe  für  das  Arbeitszwangsgesetz  gestimmt,  und  habe  damit  Ketten  schmieden
helsen  für  das  Proletariat.  Das  alles  könne  nicht  gerechtfertigt  werden.
Darum  sei  es  nicht  nur  Recht,  sondern  Pflicht  der  auf  dem  Boden  der
Opposition  stehenden  Parteigenossen,  sich  im  Rahmen  des  Parteistatuts  zusammenzuschließen,
  nicht  isoliert  zu  bleiben.  Es  gelte,  in  der  Partei  zu
bleiben,  die  uns  ans  Herz  gewachsen  sei,  und  es  ist  mit  Sicherheit  zu  erwarten,
  daß  über  kurz  oder  lang  die  Massen  für  die  Opposition  gewonnen
werden.  Es  wäre  töricht,  sich  zu  einer  Sekte  zurückdrängen  zu  lassen.  Die
Arbeiterbewegung  könne  nur  als  Massenbewegung  existieren.  Die  Massenbewegung
  dürfe  aber  nicht  auf  den  Boden  des  alten  Tradeunionismus
herabsinken,  sondern  müsse  erfüllt  sein  vom  alten  sozialdemokratischen  Geiste.

Lipinski-Leipzig  (Soz.  Arb.)  behandelt  sodann  die  organisatorischen
Notwendigkeiten  der  Opposition.  Aufgabe  der  Sozialdemokratie  sei  es,  den
Kampf  um  die  politische  Macht  zu  führen,  um  die  kapitalistische  Produktionsweise
  umzugestalten.  Die  Politik  des  Parteivorstandes  und  der  Mehrheitsfraktion
  laufe  aber  auf  eine  bedingungslose  Unterstützung  der  Regierungspolitik
  hinaus.  Um  dieses  Zieles  willen  habe  der  Parteivorstand  die  klaren
Bestimmungen  des  Organisationsstatuts  einfach  beiseite  geschoben.  Das
zwinge  uns,  die  Parteigenossen  mobil  zu  machen,  sie  für  unsere  Auffassung
zu  gewinnen.  Auch  die  jetzt  vom  Parteivorstand  materiell  abhängige  Presse
müsse  für  die  Opposition  wieder  dienstbar  gemacht  werden.  Undienlich  sei
aber  dabei  die  Beitragssperre,  die  praktisch  keinen  Erfolg  verspreche,  die
Macht  des  Parteivorstandes  nicht  berühre,  ihm  aber  ein  formales  Recht
gebe,  gegen  die  Organisationen  vorzugehen.  Notwendig  sei  der  Zusammenschluß
  der  Opposition,  der  mündliche  Verkehr  der  oppositionellen  Genossen
in  den  Bezirken  und  Ortsgruppen  —  alles  im  Rahmen  der  Partei.