Das Veeische Reich und seine einzelnen Glieder. (Nov. 16.—22.) 155
16. November. (Berlin.) Das Landesökonomie-Kollegium
faßt mit 18 gegen 8 Stimmen folgendenden Beschluß:
Es ist dringend wünschenswert, daß auf dem Wege der Gesetzgebung
ermöglicht werde, den landwirtschaftlichen Zentralvereinen auf ihren
Antrag eine Organisation und Zuständigkeit ähnlich derjenigen der Handelskammern
zu verleihen.
17. November. Großfürst Wladimir von Rußland trifft,
von Paris kommend, zum Besuch in Potsdam ein.
18. November. (Stuttgart.) Bei der Wahl des Stadtschultheißen
erhält der von den Konservativen und Nationalliberalen
als Kandidat aufgestellte bisherige Beigeordnete Rechtsanwalt
Dr. G5#z 3983, der Kandidat der Demokraten und Sozialisten, Ober--steuerrat
Rümelin, dagegen 5408 Stimmen. Letzterer ist somit gewählt.
18.—26. November. (Abgeordnetenhaus: Steuergesetze.)
Minister Miquel begründet die Vorlagen; die Opposition wird eingeleitet
durch den Abg. Rickert, der eingehend über das Geschenk der
Grundsteuer an die Gutsbesitzer, über die Mängel des Kommunalsteuergesetzes
und über das Steuerplus, welches man durch die neue
Vermögenssteuer herauszupressen suche, spricht.
22. November. (Fortsetzung.) Der frühere Minister des Innern,
Herrfurth, hält eine ausführliche Rede gegen die Reform, die er eine
reformatio in pejus neunt; sie ist ihm ungerecht wegen der Ueberweisung
der Grundsteuer, die ganz verschieden wirkt, zu agrarisch
und gleichzeitig zu fiskalisch.
22. November. (Berlin.) Eröffnung des Reichstages durch
den Kaiser mit folgender Thronrede:
Geehrte Herren!
Beim Eintritt in Ihre Beratungen heiße Ich Sie zugleich im Namen
Meiner hohen Verbündeten willkommen.
Der Rückblick auf den seit Ihrer letzten Tagung verflossenen Zeitraum
gewährt ein nicht ungünstiges, wenn auch nicht in allen Beziehungen
erfreuliches Bild. Auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Lebens sind berechtigte
Erwartungen vielfach nicht in Erfüllung gegangen. Der Absatz
der Erzeugnisse der vaterländischen Arbeit hat sich in seinem Umfange und
in seinem Ertrage nicht durchweg auf der Stufe befunden, welche unserem
wirtschaftlichen Interesse entspricht. Daneben hat die in einzelnen Teilen
des Reichs aufgetretene, nun aber, dank der kräftigen. Abwehr, als getilgt
zu betrachtende Seuche dem inneren Verkehr empfindliche Schranken auferlegt
und dem Wohlstande unserer ersten Seehandelsstadt beklagenswerte
Wunden geschlagen, welche das aufrichtige Mitgefühl der Nation inden.
Im Hinblick jedoch auf die im allgemeinen gesegnete Ernte und
auf die bisher von Erfolg begleiteten Bemühungen der verbündeten Regierungen,
der deutschen Arbeit neue und erleichterte Absatzwege zu verschaffen,
gebe Ich Mich der Erwartung hin, daß wir zu einem kräftigeren
Aufschwunge der wirtschaftlichen Thätigkeit gelangen werden, sofern uns