Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunter Jahrgang. 1893. (34)

LEEIIITTTIIILLII

„Neues  Palais,  15.  Juli.  Ich  danke  Ihnen  und  Ihren  Landsleuten
für  Ihre  Treue  zu  Mir  und  Meinem  Hause.  Sie  sei  ein  Vorbild  für  alle.
Für  Ihre  hingebende  Arbeit  verleihe  Ich  Ihnen  den  Kronenorden  II.  Klasse.
Wilhelm  J.  R.“

Eine  ähnliche  Anerkennung  wird  dem  Abg.  Stumm  zu  teil.

15.  -  16.  Juli.  Parteitag  der  Freisinnigen  Volkspartei.

Badische  Deputierte  beantragen,  daß  dem  Zentralausschuß  eine  größere
Anzahl  Vertreter  der  Provinzialparteitage  angehören  sollen  mit  dem  Rechte,
den  Parteitag  unter  Umständen  selbständig  zu  berufen.  Man  begründete
dies  Verlangen  mit  dem  Hinweis  auf  Vorkommnisse  der  letzten  Zeit,  durch
die  man  in  Süddeutschland  überrascht  worden  sei.  Richter  bekämpft
diesen  Antrag,  und  er  wird  verworfen.  —  Der  Schwerpunkt  der  Partei
wsse,  von  jetzt  ab  in  einem  Ausschuß  ruhen,  der  nur  aus  fünf  Mitgliedern
besteht.

Mitte  Juli.  Abg.  Böckel  hält  in  einer  Volksversammlung
folgende  Rede:

Der  Führer  der  Reformpartei  begann  damit,  daß  er  die  Kritik  der
Sozialdemokratie  an  unseren  bestehenden  gesellschaftlichen  Verhältnissen  als
vollberechtigte  und  sogar  meisterhaft  ausgeführte  anerkannte  und  den  alten
Parteien,  insbesondere  der  konservativen  und  der  nationalliberalen  Partei,
als  an  Mark  und  Bein  zerfressenen  Parteien,  den  baldigen  Untergang
prognostizierte.  Die  Wahlen  hätten  der  Regierung,  trotz  des  Bundes  der
Landwirte,  keine  Majorität  gebracht.  Diese  Niederlage  sei  bedingt  durch
unsere  wirtschaftlichen  Verhältnisse  und  unsere  Gesetzgebung,  welche  nur  für
das  Kapital  zugeschnitten  sei.  Die  Sozialdemokratie  würde  noch  größere
Erfolge  zu  verzeichnen  gehabt  haben,  wenn  nicht  durch  die  antisemitische
Agitation  eine  halbe  Million  Unzufriedener  ihr  entzogen  worden  wären.
Für  die  „Parteien  der  Satten“  wären  diese  Stimmen  ganz  gewiß  nicht
abgegeben  worden.  Er  und  seine  Freunde  hätten  im  vorigen  Reichstage
gegen  die  Militärvorlage  nur  deshalb  gestimmt,  weil  die  Deckung  der  Kosten
durch  das  Volk  belastende  Konsumsteuern  erfolgen  sollte.  Nachdem  der
Reichskanzler  ihm  nunmehr  die  bindende  Erklärung  abgegeben,  daß  die
Regierung  die  Konsumsteuervorlagen  zurückziehen  und  auch  keine  andere  das
Volk  belastende  Konsumsteuervorlage  einbringen  werde,  die  Deckung  der
Lasten  vielmehr  durch  eine  Börsensteuer,  und  falls  diese  nicht  ausreicht,  noch
durch  eine  Luxussteuer  erfolgen  solle,  lag  für  seine  Partei  kein  Grund  mehr
vor,  gegen  die  Militärvorlage  zu  stimmen.  Die  deutsche  Reformpartei  werde
nunmehr  versuchen,  eine  Reformgesetzgebung  im  großen  Stile  ins  Werk  zu
setzen,  selbst  auf  die  Gefahr  hin,  daß  ihre  Anhänger  zu  Sozialisten  gestempelt
  werden  sollten.  Vor  allem  müsse  eine  Börsenreform  angestrebt
werden:  die  großen  Vermögen  müssen  derartig  besteuert  werden,  daß  sie
nicht  mehr  verzinslich  gemacht  werden  können.  Und  wenn  Rothschild  darüber
Deutschland  verlassen  sollte,  so  möge  er  in  Frieden  ziehen;  es  ist  besser,  als
wenn  80,000  Arbeiter  auswandern  müssen,  um  ihre  Arbeitskraft  einem
anderen  Lande  zukommen  zu  lassen.  Nicht  allein  das  jüdische,  auch  das
christliche  Kapital  sei  zu  bekämpfen.  Die  heutigen  Verhältnisse  erinnerten
wunderbar  an  die  vor  hundert  Jahren.  Die  Arbeit  würde  verachtet,  dem
Arbeiter  gehe  man  aus  dem  Wege,  der  Spitzbube  im  Frack  wird  geehrt,
er  kann  noch  Geheimer  Kommerzienrat  werden.  Noch  sei  es  Zeit,  daß  die
Regierung  sich  zu  einer  wahrhaft  sozialpolitischen  That  aufraffe.

19.—20.  Juli.  Das  Kaiserpaar  stattet  in  Tullgarn  dem