Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

Die  Römische  Kurie.  Mai  II  Sept.)  339

heißesten  Wunsch  des  Papstes  doch  nichts  thun,  solange  es  mit
Italien  verbündet  ist,  zumal  Italien  jeden  derartigen  Versuch  nicht
nur  als  Freundschaftsbruch,  sondern  geradezu  als  Kriegsfall  ansehen
  würde.

11.  Mai.  Der  Papst  spricht  sich  in  Schreiben  an  die  irischen
BVischöfe  gegen  die  dortigen  Mordkomplotte  und  gegen  die  Beteiligung
der  katholischen  Geistlichkeit  an  den  Agitationen  der  Landliga  und
Parnells  aus  (s.  England  20.  Jannar  und  11.  Mai)h.

—  Juni.  Der  Papfst  weigert  sich,  die  Königin  Pia  von  Portugal
  trotz  ihrer  Frömmigkeit  als  Schwester  des  Königs  von  Italien
zu  empfangen.

18.  August.  Ein  sehr  umfangreiches  Schreiben  des  Papstes
an  die  Vorstände  der  römischen  Archive  befiehlt  die  Offnung  und
Benützung  derselben  zu  Zwecken  der  Geschichte.  Nakürlich  ist  von
einer  wirklich  freien  Benützung  keine  Rede,  sondern  nur  soweit  als
dies  dem  Papsttum  zum  Vorteil,  nicht  aber,  soweit  es  ihm  auch
zum  Nachteil  gereichen  könnte.

26.  September.  Der  Papst  empfängt  eine  Pilgerschaft  von
nicht  weniger  als  5000  italienischen  Priestern  unter  Führung  des
neu  ernannten  Ergbischofs  von  Turin,  Kardinal  Alimonda,  mit
einem  Generalstabe  von  ca.  30  Erzbischöfen  und  Bischöfen.

Der  Hauptzweck  dieser  Pilgersahrt  geht,  wie  ihr  Führer  ganz  offen
eingesteht,  dahin,  die  Thalsache  zu  widerlegen,  daß  der  niedere  ilalienische
Klerus  national  gesinnt  sei  und  sich  in  einer  gewissen  Spannung  mit  der
hohen  Klerisei  im  allgemeinen  und  namentlich  mit  der  Kurie  besinde.  Die
Kilgersahrt,  der  5000  Erzbischöfe,  Bischöse,  Prälaten,  Domherren  und  Pfarrer
at  aber  die  Thatsache-  nicht  zerstört,  denn  nur  die  wohlbestallten  Priester,
beren  Tasche  qespict  genug  war,  um  nach  Rom  zu  reisen,  nahmen  an  der
Fahrt  teil.  Die  niedere  italienische  Priesterwelt,  deren  pekuniäre  und  sogziale
Stellung  geradezu  bedauernswert  ist,  fehlt  dabei  ganz.  Man  wollte  eben  den
Papst  durch  die  große  Anzahl  von  Priestern  täuschen  und  ließ  deehalb  auch
den  ganzen  Klerus  von  Rom  an  der  großen  Audienz  teilnehmen.  Was  die
Pilgerfahrt  beweisen  sollte,  hat  sie  kaum  bewiesen,  dagegen  aber  wohl  dar,
was  man  nicht  gerne  beweisen  wollle,  nämlich  daß  der  Papst  und  seine
Priester  in  der  Ansübung  ihrer  geistlichen  Pflichten  vollständig  im  heutigen
Rom  frei  sind.  Nicht  ein  Spottwort,  nicht  eine  Beleidigung  haben  die  5000
Priester  seitens  der  römischen  Bevölkerung  während  ihres  achttägigen  Aufenthaltes
  in  Rom  zu  verzeichnen.  Die  Meisten  sind  erstannt  darüber  abgereist,
da  sie  sich  über  die  „unerträglichen  Zustände“  Roms  ganz  andere  Vorstellungen
  gemacht  hatten.

—  September.  Delegierte  der  sämtlichen  Gemeinschaften  des
Jesuitenordens  wählen  in  Rom  den  deutschen  P.  Anderledy  (aus
dem  schweiz.  Kanton  Wallis)  zum  Nachfolger  des  Ordensgenerals
P.  Beckx  nach  dessen  dereinstigem  Ableben.  Der  Gewählte  fungiert

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