42. Charakterbild des Kurfürsten Maximilian I. 225
wenden sich die Protestanten zu ihrem Schutze gegen andersgläubige Volksgenossen
unbedenklich an den fremden Glaubensgenossen. Zu spät entschließt
sich der Bayernfürst zu gewissen Zugeständnissen — der schwere Fehler, der
in der Überspannung der Ansprüche nach dem Siege lag, ist nicht wieder gutzumachen.
Gegenüber der neuen politischen Gestaltung versagt der französische
Rückhalt, den er sich vorsorglich für Notfälle sichern wollte: Richelieu wie
seinem Nachfolger Mazarin liegt die Schädigung Habsburgs noch mehr am
Herzen als der Schutz der katholischen Sache. Bayerns Ringen mit Frankreich
ist der einzige Abschnitt des großen Krieges, in dem das religiöse Motiv
nicht direkt wirksam war. Vorher aber war dem Kampfe in keinem Lager der
Charakter als Religionskrieg so stark aufgeprägt wie im bayerischen.
Maximilians Hauptziele in der inneren Politik waren Erhaltung der
Glaubenseinheit wenigstens in seinem eigenen Lande, da sie im Reiche
nicht mehr möglich war, und eine religiös-sittliche Erziehung der Untertanen,
wie sie den Geboten seiner Religion entsprach; im Reiche: die Erhaltung
der geistlichen Fürstentümer und ihres Besitzstandes und Sicherung des katholischen
Charakters des Kaisertums auch für die Zukunft. Diese Ziele wurden
nur teilweise erreicht und nur um den Preis eines mörderischen Bruderkrieges,
der das eigene Land wie die ganze Nation dem tiefsten Elende preisgab. Und
auf die Dauer ließ sich das Errungene doch nicht festhalten: mit ehernem Fuße
über alles, was Maximilian anstrebte, hinwegschreitend hat die Zeit seine konfessionelle
Politik als unfruchtbar verurteilt.
Wie sein Anteil am Kriege überwiegend durch religiöse Gründe bestimmt
ist, so wurzelt in seiner Religiosität auch seine Treue und ehrerbietige Unterordnung
gegen das Reichsoberhaupt. Gewiß war er gut deutsch gesinnt —
oft genug hat er seiner Abneigung gegen das Vordringen des ausländischen,
besonders spanischen Wesens in Deutschland lebhaften Ausdruck gegeben; entscheidender
aber als seine nationale Gesinnung ward für sein Verhältnis zu
Kaiser und Reich, daß ihm Gehorsam und Treue gegen diese von Gott gesetzten
Ordnungen als religiöse Pflicht erschien. Der heilige Charakter des
Reiches war es, was den sonst so klar Blickenden noch in den Zeiten des tiefsten
Verfalles von dem „herrlichen Korpus des Römischen Reiches“ sprechen ließ.
Neben aller Ergebenheit gegen das katholische Reichsoberhaupt machten
sich doch in seinem Verhältnis zu diesem auch sein starkes, leicht verletztes
Selbstgefühl und seine hohe Auffassung von den Rechten der deutschen Fürsten
nachdrücklich geltend. Johann von Werth hat an ihm außer seiner hohen
Klugheit und anderen großen Tugenden gerühmt, daß er der einzige sei, der
die Hoheit und Autorität eines deutschen Fürsten gegen den Kaiser wie gegen
männiglich zu „manutenieren“ wisse. In seinem Widerwillen gegen die habsburgische
Unersättlichkeit und in seiner starken Betonung des fürstenaristokratischen
Charakters des Reiches berührte sich der Retter der habsburgischen
Monarchie sogar einigermaßen mit dem habsburgfeindlichsten Publizisten, dem
Kronseder. Lesebuch zur Eeschichte Bayerns. 15