Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

Dentshes  Reich.  (Juni  24.—26.)  209

Dieser  Krieg  —  und  man  kann  das  eben  zitierte  Moltkesche  Wort
darauf  anwenden:  „Wehe  dem,  der  Europa  in  Brand  steckt!“  —  zeichnet
sich  deutlicher  und  deutlicher  ab  als  das  Werk  Rußlands,  der  gewissenlosen
russischen  Politik,  der  Angst  der  russ.  leitenden  Kreise  vor  der  Revolution,
welche  die  unhaltbaren  Verhältnisse  im  Lande  näher  und  näher  rückte.  Ich
glaube,  das  kann  jeder  sagen,  ohne  Angst,  von  dem  Ergebnis  weiterer
Enthüllungen  und  Forschungen  dementiert  zu  werden,  daß,  je  tiefer  wir  in
die  Vorgeschichte  des  Krieges  eindringen,  desto  klarer  sich  ergeben  wird,
daß  die  Macht,  die  den  Krieg  geplant  und  gewollt  hat,  Rußland  gewesen
ist.  Daß  die  anderen  Mächte,  daß  Frankreich  als  Kriegshetzer  dabei  aufs
schlimmste  mitgespielt  hat,  daß  die  englische  Politik  sehr  dunkle  Seiten  in
dieser  Beziehung  aufzuweisen  hat,  daß  insbesondere  die  Haltung  der  engl.
Regierung  in  den  Tagen  vor  dem  Kriegsausbruch  den  russ.  Kriegswillen
stärken  und  entfesseln  mußte,  dafür  gibt  es  Beweise  genug  in  den  bereits
publizierten  Aktenstücken.

So  viel  über  die  Schuld  am  Kriege.  Deutschland  hat  nicht  einen
Augenblick  daran  gedacht,  diesen  Krieg  zu  entfesseln,  und  hat  vor  allen
Dingen  nie  einen  Augenblick  daran  gedacht,  dieser  Krieg  könne  auch  nur
u  einer  Herrschaft  über  Europa,  geschweige  denn  zu  einer  Weltherrschaft

hren;  im  Gegenteil,  die  deutsche  Politik  befand  sich  damals  in  der  Lage,
begründete  Aussicht  zu  haben,  wesentliche  Ziele,  die  Ordnung  der  Verhältnisse
  im  Osten  und  die  Ordnung  der  kolonialen  Verhältnisse  auf  dem
Wege  friedlicher  Verhandlungen  in  zufriedenstellender  Weise  verwirklichen
zu  können.  Also  wohl  in  keinem  Augenblick  unserer  neueren  Geschichte  war
weniger  Veranlassung  für  uns,  einen  derartigen  Brand  zu  entfesseln  oder
zur  Entfesselung  beizutragen,  als  zu  dem  Zeitpunkt,  wo  er  eintrat.

Ich  halte  es  aber  für  nützlich  und  notwendig,  nicht  nur  auf  der  Negation
zu  verharren,  nicht  nur  zu  sagen,  daß  die  Balfoursche  Behauptung  ein
Hirngespinst,  wenn  nicht  eine  Verleumdung  ist,  sondern  ich  halte  es  für
notwendig,  ganz  einfach  und  leicht  für  alle  verständlich  zu  sagen,  was
wir  positiv  wollen:  wir  wollen  auf  der  Welt  für  das  deutsche  Volk  —
und  das  gilt  mutatis  mutandis  auch  für  unsere  Verbündeten  —  innerhalb
der  Grenzen,  die  uns  die  Geschichte  gezogen  hat,  sicher,  frei,  stark  und
unabhängig  leben,  wir  wollen  über  See  den  Besitz  haben,  welcher  unserer
Größe,  unserem  Reichtum  und  unseren  bewiesenen  kolonialen  Fähigkeiten
entspricht,  wir  wollen  die  Möglichkeit  und  die  Freiheit  haben,  auf  freier
See  unseren  Handel  und  unseren  Verkehr  in  alle  Weltteile  zu  tragen.
(Bravo!  im  Ztr.  und  l.)  Das  sind  mit  wenigen  kurzen,  allgemein  verständlichen
  Worten  in  ganz  groben  Umrissen  die  Ziele,  deren  Erringung  eine
unbedingte  Lebensnotwendigkeit  für  Deutschland  ist.

Ich  habe  die  Ehre  gehabt,  bei  einer  früheren  Besprechung  in  diesem
hohen  Hause  darauf  hinzuweisen,  daß  die  unbedingte  Unversehrtheit  des
Grundgebiets  des  Deutschen  Reiches  und  seiner  Verbündeten  eine  notwendige
  Voraussetzung  —  ich  sage  ausdrücklich:  Voraussetzung  —  für  die
Aufnahme  irgendwelcher  Friedensgespräche  oder  Friedensverhandlungen
bildet.  IJch  habe  damals  mir  auszusprechen  erlaubt,  daß  darüber  hinaus
sämtliche  Fragen  Gegenstand  der  Beratung  und  Gegenstand  der  Einigung
sein  könnten,  und  ich  glaube,  so  steht  die  Sache  auch  noch  heute.  Es  wird
uns  von  englischer  Seite  immer  wieder  der  Vorwurf  gemacht,  daß  wir  in
der  belgischen  Frage  auf  englische  Anzapfung  hin  nicht  bereit  seien,  in
öffentlicher  Erklärung  Stellung  zu  nehmen.  In  diesem  Punkte  unterscheiden
sich  auch  die  grundsätzlichen  Anschauungen  der  Kaiserlichen  Regierung  von
denen,  welche  die  engl.  Staatsmänner  uns  zumuten.  Wir  betrachten  Belgien
als  eine  der  Fragen  im  Gesamtkomplex  der  Fragen;  wir  müssen  es  aber

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