Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Erster Teil. (1)

Spies:  Englische  Weltpolitik  (Imperialismus)

ruht  letzten  Endes  auf  der  hervorstechendsten  Charaktereigentümlichkeit
  des  Engländers,  auf  dem  Willen,
dem  gegenüber  besonders  sein  Intellekt  zugestandenermaßen
  zurücktritt.  Die  starke  Ausprägung  des  Willens
  hat  teils  ihren  Grund  in  der  positiven  Siebung=  1
der  englischen,  in  insularer  Abgeschlossenheit  äußerst
einheitlich  gemischten  Rasse  (Angeln,  Sachsen,  Jüten,
Skandinavier  und  Normannen  als  ausschlaggebende
Grundbestandteile),  teils  in  der  auf  den  willensstarken
„  Gentleman=  abzielenden  englischen  Erziehung.  Aus
dem  Willen  entwickelte  sich,  mit  der  Zeit  infolge  der
Insellage  und  anderer  glücklicher  Umstände  sast  ungehemmt
  zunehmend,  ein  rücksichtslos  draufgängerischer
  Individual-  und  Volksegoismus,  der  keine  anderen
  Herren  neben  sich  dulden  wollte.  Im  Spiegel
des  englischen  Nationalliedes  erkennen  wir  diese  imperialistische
  Art  des  Volksegoismus  wieder  an  dem
Offensivgeist  des  „Rule  Britannia  im  Vergleich  zu
dem  deutschen  Verteidigungssang  der  Wacht  am
Rhein«.  Im  Spiegel  der  englischen  Sprache  tritt  sie
uns  entgegen  in  dem  zum  entschuldigenden  Deckmantel
  gewordenen  Sprichwort  =  Our  country,  right  or
wronge,  dessen  politische  Moral  Herbert  Spencer,
wie  zu  erwarten  vergeblich,  einer  vernichtenden  Kritik
umtersog.  „  Country-  bedeutet  hierbei  das  Mutterland
  („Motherlande)  Großbritannien,  das  sich  der
Jurrialist  treng  englischer  Richtung  in  seinem  Ideal
vor  dem  Kriege  als  den  leitenden  und  beherrschenden
  Kopf  des  -Empire-,  des  Größeren  Britanniens
(°Greater  Britain),  nicht  als  einen  Gleichen  unter
Gleichen  vorstellte,  während  das  letztere  wiederum
die  politische  und  wirtschaftliche  Vorherrschaft  über
den  Rest  der  Welt  ausüben  sollte.

„  Country-  und  -Empire,  Land  und  Reich,  engere
und  weitere  Heimat,  sind  im  Lauf  der  vielhundertjährigen
  Geschichte  durch  die  Herrennatur  des  englischen
  Volksegoismus  zu  dem  geschaffen  worden,  was,
wie  gesagt,  heute  mit  dem  bedrohlichen  Anspruch  auftritt,
  auch  die  anderen  Teile  und  Völker  der  Erde  in
seinen  Bannkreis  zu  zwingen.  Von  den  ersten  Zeiten
der  gewaltsamen  Festsetzung  auf  den  britischen  Inseln
im  5.  Jahrhundert  an  ist  so  in  unveränderlich  folgerichtiger,
  wenn  auch  nicht  immer  systematischer  Weise
durch  militärische  Eroberung,  diplomatische  Geschicklichkeit
  oder  politische  Verschlagenheit  aus  kleinsten
Einheiten  der  Sippen  und  Stämme  ein  immer  größeres
  Ganzes  entstanden,  dessen  weitere,  bisher  durch
äußere  Glücksumstände  begünstigte  Entwicklung  als
„Empire=  der  Weltkrieg  wiederum  vor  eine  Fülle
neuer  und  äußerst  vielspältiger  Probleme  gestellt  hat.

Die  Entwichlung  des  -Country=  im  Hinblich  auf
das  „Bmpire“.

Die  den  Grundstock  des  englischen  Volkes  bilden.
den  Angelsachsen  eroberten  sich  ihre  neue  Heimat,  indem
  sie  die  damaligen,  zum  Teil  mit  Römern  durchsetzten
  Ureinwohner  Englands,  die  Kelten,  langsam,
aber  sicher  nach  Norden  und  Westen  zurückdrängten.
Das  Ergebnis  dieser  Kämpfe  waren  die  angels  ächfischen
Nationalstaaten  der  einzelnen  germanischen  Stämme,
die  um  827  durch  Ecberht,  den  König  des  militärisch
stärksten  Reiches  der  Westsachsen,  zu  einer  ersten  größeren
  Einheit  lose  zusammengefaßt  wurden.  Die  zweite
Stufe  der  Entwicklung  wird  durch  die  Regierung

1  Carl  Peters  in  den  Münchner  Neuesten  Nachrichtene#
vom  13.  Dezember  1906.
2  Faota  and  Commentse  Gondon  1902).

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Alfreds  des  Großen  (871—  901)  dargestellt,  der  die
dänische  Invasion  erfolgreich  zu  bekämpfen  vermochte
und  gleichzeitig  literarische  und  allgemein  kulturelle
Bestrebungen  mit  persönlicher  Initiative  fördertet.
Vom  rückschauenden  Standpunkt  des  modernen  englischen
  Imperialismus  gilt  Alfred  der  Große  als  der
erste  --Empire  Builder-(Reichsgründer).  In  diesem
Sinne  hat  ihm  einer  der  glänzendsten  Redner  im
heutigen  England,  der  liberale  Lord  Rosebery,  der
»Orator  of  the  Empire,  1901  zur  Tausendjahrfeier
in  der  Hauptstadt  des  alten  Westsachsenreichs,  in  dem
heute  verträumten  Winchester,  ein  Denkmal  enthüllt.
Der  für  England  glückliche  Ausgang  des  Burenkriegs
befeuerte  den  natsonalehlftorischen  Geist  und  prägte
die  imperialistische  Inschrift  »To  the  Founder  of
Kingdom  and  Nation.

Die  nächste  gewaltsame  Vergrößerung  des  eigentlichen
  Englands  (3.  Entwicklungsstufe  inker  Richtung
auf  das  Empire)  vollzog  sich  nach  der  normannischen
Eroberung  durch  die  An  liederung  des  in  Sprache
und  Sitte  zum  Teil  noch  heute  keltischen  Wales  unter
Eduard  I.  (1272—  1307).  „England  and  Walesist
  noch  jetzt  ein  fester  staatsrechtlicher  Begriff,  der
Titel  „Prince  of  Walese  dem  historischen  Ereignis
entsprungen.  Vom  Standpunkt  der  inneren  nationalen
  Entwicklung  aus  legte  dann  (als  4.  Entwicklungsstufe)
  die  lange  Regierungszeit  Eduards  III.
(1327—77)  den  Grund  für  die  großen  Errungenschaften
  des  England  der  Neuzeit.  Jetzt  zeigte  sich.
daß  die  verschiedenen  Völkerbestandteile  der  Angelsachsen,
  Skandinavier  und  Normannen  infolge  der
Insellage  im  ligentlichen  England  schnell  zu  einem
einheitlichen  Volk  verschmolzen  waren.  Jetzt  erwiesen
sich  ein  einheitliches  englisches  Nationalgefühl  und
eine  einheitlich  über  die  Dialekte  und  Fremdsprachen
sich  erhebende  englische  Verkehrs-  und  Schriftspraches
als  die  begleitenden  Folgeerscheinungen.  Seit  dieser
Zeitperiode  haben  sich  englisches  Nationalgefühl  und
englische  Sprache  als  höchst  bedeutsame  Bindeglieder
des  englischen  Imperialismus,  ja  der  Englisch  sprechenden
  Weltüberhaupt  rwiesen.  Rund  hundert  Jahre
später,  an  der  Wende  des  Mittelalters,  schafft  der  aus

ent  gebürtige,  später  von  Brügge  nach  London  zurückgewanderte
  Kaufmann  William  Caxton  Gestorbden
1491  in  London-Westminster)  ein  anderes  bedeutendes,
  von  Englands  Weltpolitik  reichlichst  ausgenutztes
und  mißbrauchtes  Kampfmittel  der  Neuzeit  durch  die
Einführung  der  Buchdruckerkunst.  Für  den  modernen
Durchschnittsengländer  aber  44  t  sowohl  vom  Standpunkt
  des  sprachlich  =  literarischen  wie  des  historischpolitischen
  Verständnisses  das  (die  5.  Entwicklungsstufe
  darstellende)  Zeitalter  der  Königin  Elisabeth
(1558—1608)  am  eigentlichen  Anfang  der  weltpolitischen
  und  weltwirtschaftlichen  Entwicklung  des  größeren
  Englands.  Innerhalb  der  britischen  Inken,
d.  h.  im  „Country-,  entstand  abermals  eine  größere
Einheit;  Elisabeths  Tod  und  die  Thronbesteigung
Jakobs  I.  führten  zur  Personalunion  Englands  mit
dem  seit  Jahrhunderten  in  erbitterten  Kämpfen  befehdeten
  Schottland,  was  dann  am  1.  Mai  1707  durch
die  legislative  Vereinigung  beider  Landesteile  als
„  Großbritanniene  festgefügt  wurde  (6.  Entwicklungs-1

  Ugl.  A.  Brandl,  Altenglische  Literatur,  in  Pauls  »  Grundriß
  der  germanischen  Philologies  (Straßburg,  3.  Aufl.  1911,
mit  weiteren  Literaturangaben).

2  Vgl.  die  Forschungen  von  Lorenz  Morsbach  und  seiner
Göttinger  Schule.