Kap. 1.
Der mittelhochdeutsche Zeitraum
(1100— 1500).
$ ıt.
Uebergangszeit vom Althochdeutschen zum
Mittelhochdeutschen.
Die althochdeutschen Literaturerzeugnisse, die
uns erhalten geblieben sind, stellen fast ausschliesslich
Werke von gelehrten Geistlichen vor, teils Originalarbeiten
wie Otfrieds Evangelienharmonie, teils
Uebersetzungen lateinischer Werke, wie Notkers Arbeiten.
Von volkstümlicher Poesie — eine volkstümliche
Prosa gab es kaum — sind uns nur wenige
Reste durch Zufall erhalten, wie das Bruchstück aus
dem Hildebrandslied oder das Ludwigslied. Wohl
hatte Karl der Grosse mit seinem weiten Blick vorgehabt,
dem deutschen Heldengesang ein anderes
Schicksal zu bereiten, aber seine Nachfolger hatten
kein Verständnis für seine Bestrebungen, und so
gab es noch 300 Jahre nach seinem Tode keine
volkstümliche Literatur, wenigstens keine geschriebene.
Es war auch niemand da, der eine solche
hätte pflegen können: die Geistlichen, die allein zu
schreiben verstanden, pflegten das Lateinische und
nur nebenbei die deutsche Sprache für ihre kirchlichen
Zwecke; Selbstzweck war die deutsche Dich-