112 Oeutschland im Wirtschaftekrieg.
Textilindustrie zu erobern. Zum Schaden unserer eigenen Industrie erleichtern wir ihm
aber den Kampf um diese Märkte, wenn wir durch ein über den gegenwärtigen Bedarf
hlnausgebendes Maß von Farbstofflieferungen seine Textillndustrie weiter anfeuern.
Drittene endlich bleibt infolge des verringerten amerikanischen Bedarfes bei der Lieferung
einer gleichen Menge wie in normalen Zeiten ein beträchtlicher Uberschuß, mit dem die
amerikanischen Käufer den englischen Markt verseben können!
Aus diesen Gründen dürfen wir, selbst als Gegenleistung für amerikanische Lieferungen,
nicht entfernt die Menge Farbstoffe an Amerika abgeben, die dem
Bezuge in normalen Zelten entspricht. Von irgendwie zulänglichen amerikanlschen Gegenlieferungen
kann bei derzeitiger Sachlage überhaupt nicht die Rede sein; und solange die
Regierung der Vereinigten Staaten ihre Aeutralitäts-Auffassung nicht ändert, ihre ganz
einseitige, außerordentlich schwer ins Gewicht fallende Begünstigung der Dreiverbandsmächte
nicht aufgibt, werden wir diese in ihrer Wirkung direkt feindselige Haltung Amerlkas
nur erwidern können und dürfen durch alle uns zu Gebote stehenden wirtschaftlichen
Vergeltungemaßregeln. Hierfür kommt in erster Linie, wie gesagt, in Betracht
die volle Nutzung unserer vielfach monopolähnlichen Stellung in bezug auf die Versorgung
des Weltmarktes mit Chemikalien. Durch radikale Zurückhaltung unserer einschläglgen
Lieferungen an Amerika müssen wir jeder mittelbaren Unterstützung Englands begegnen und
zugleich den Leitern des amerikanischen Wirtschaftelebene möglichst nachdrücklich zu verstehen
geben, daß auch Deutschland kein zu übersehender oder zu vernachlässigender Faktor ist!“
Und abermals im „Tag“ vom 15. Mai 1915 im Sinne einer durchgreifenden
Regelung der Strategie im Wirtschaftskrieg:
„Es fehlt immer noch die einheitliche Oberleltung: der alle Angelegenheiten wirtschoftlicher
Kriegführung in großem Stll überblickende Wirtschaftliche Generalstab, der die
Strategie des Wirtschaftskrieges entwirft, die taktische Durchführung der Wirtschafteschlachten
aber den vorhandenen Organisationen der Kriegewlrtschaft bel den Berwaltungebehörden
überläßt.
In der Strategie des Wirtschaftskrieges haben wir auch beute immer noch zu lernen.
Wir müssen einen immer noch klareren Überblick zu gewinnen suchen über alle Waffen
wirtschaftlicher Kriegführung, die une zur Verfügung stehen, und über die Frage, wann,
wo und wie sie zweckmäßig anzusetzen sind. Ein Beispiel nur:
Zrgendeine offizlell neutrale Macht llefert irgendwelche Anzelchen für Begünstigung
unserer Gegner. Olese Anzeichen wären diplomatischerselte sofort dem Wirtschaftlichen
Generalstab zu melden, der unverzüglich zu untersuchen hätte, ob und wie es möglich ist,
auf jene neutcale Macht durch wirtschaoftliche Entziehung eine polltische Erziehung auszuüben.
In völlig unabbhängiger Prüfung muß der Wlrtschaftliche Generalstab feststellen,
wo die Interessen der Aufrechterhaltung unseres Wirtschaftelebens den Vortritt verdienen,
wo rücksichtelose Durchführung des Wirtschaftekrieges um jeden Preis als notwendige
Ergänzung des Waffenkriegee allen anderen Rücksichten voraonzustehen hat. Die Strategen
der Wirtschafteschlachten müssen über dieselbe Unabhängigkeit nach allen Ressortrichtungen
bin verfügen wie die militärischen Strategen im Großen Generalstab.
Bei allen Erörterungen über den Wirtschaftlichen Generalstab muß der eine Gesichts-Hunkt
weit obenan stehen: Hier ist jebe leiseste Spur von Ressortengherzigkeit, Ressorteifersuchtelel
und ähnlichen Dingen völlig auszuschalten! Ourch überragende Autorität
und Selbständigkeit sind alle klelnlichen Keibungen dieser Art fernzuhalten. Über den die
technische Verwaltungsarbelt durchführenden Organen hat der Wirtschaftliche Generalstab
zu stehen, der in den wirtschaftlich so wesentlich beelnflußten Kriegen der Gegenwart eine
notwendige Ergänzung des Militärischen Generalstabes ist.“