80 Vegetationsverhältuisse.
Alpen. Es besteht ein Unterschied zwischen den Quellen des Urgebirges und
des Kalkbodens, soweit solche am Rande des Gebirges vorkommen. Die
Quellen des Kalkbodens sind erfahrungsgemäß um 00,62 wärmer, als die des
Urgebirges. Diese Temperaturverhältnisse üben einen deutlichen Einfluß auf
das Vorrücken der Pflanzen bis zu einer größeren oder geringeren Höhe aus,
wie später noch genauer angegeben werden soll.
Sehr deutlich ist im bayerischen Walde der Einfluß der Exposition gegen
Wind und Sonne auf die Pflanzenwelt. Das ganze Gebirge bildet einen
Südabhang im Gegensatz zu den bayerischen Alpen, welche nach Nord abfallen,
ein Verhältniß das zum Theil den die Temperatur herabdrückenden
Einfluß der nördlicheren Lage wieder ausgleicht. Am deutlichsten zeigt sich dieses
Verhältniß am steilen Südabhang des Gebirges gegen die Donau, der im
Sommer Temperaturen erhält, die an das südliche Tyrol erinnern. Der Weinstock
gedeiht dort, wenn auch nicht zu einem bouquetreichen, so doch zu einem
erfrischenden Getränke. Manche südliche Pflanze erscheint dort als auf einem
isolirten vorgeschobenen Posten. So z. B. das Carpesium cernuum, eine
Südpflanze, die Frankreich, Krain, Croatien und Ungarn zum Vaterlande hat
aber hier an der Donau bei Jochenstein gleichfalls sich heimisch gemacht hat.
Aehnlich die Hemerocallis fulva, ebenfalls eine südliche Pflanze, die auf den
heißen, der Sonne exponirten Gneißfelsen des Bogenberges ihr Gedeihen findet.
Auch die Thierwelt nimmt Notiz von diesem nach Nord vorgerückten Süd.
Die dem südlichen Europa angehörige grüne Eidechse sonnt sich auf den warmen
Felsen um Passau ebenso behaglich, wie an den heimatlichen Gartenmauern
um Botzen. Auch in der geringeren Zerrissenheit des Bodens liegt
für die Temperaturverhältnisse des bayerischen Waldes gegenüber den Alpen
ein relativ günstiger Umstand.
Dagegen fehlt mit der geringeren Erhebung der Berge die große Variation
der Temperatur, welche in Verbindung mit der größeren Inten
sität des Lichtes in den höheren Regionen die Alpen von der Grenze
des ewigen Schnees (7100.) bis herab zur Region der Voralpen (4300·) mit
dem Zauber einer nordischen Vegetation überzieht, deren Neuheit und Schönheit
den Botaniker nicht minder als den Laien in Entzücken versetzt. Im
bayerischen Walde finden sich nur die ersten Anklänge einer Alpenflora auf den
höheren Bergen, wie auf dem Arber, Nachel, Lusen, die sich nur bis zu dem
Punkte erheben, mit welchem so zu sagen, für den Botaniker das Gebirge
eigentlich erst beginnt. Bei einer Vergleichung der Flora des Waldgebirges
mit der der Alpen, sind deßhalb selbstverständlich nur gleiche Höhen zu berücksichtigen
und von den größeren Erhebungen der Alpen, die den bayerischen
Wald überragen, müssen wir abstrahiren, wie auch dieses im Vorausgehenden
bereits geschehen.
Der dritte Faktor endlich, von dem die Zusammensetzung der Pflanzendecke
abhängt, ist der Boden. Er wirkt bestimmend, sowohl durch seine