Staat und Staatsbürger. 45
nicht verstanden hat, sich auch in eine innere Beziehung
zu seinen Bürgern zu setzen. Freilich, Friedrich der Große
hat trotzdem den siebenjährigen Krieg bestanden. Aber
was in der neu herangekommenen Epoche verlangt wurde,
war mehr. Das Heer, das bei Jena und Auerstädt geschlagen
wurde, war im ganzen nicht etwa schlechter als
die Heere Friedrichs, sondern sogar in vieler Beziehung
besser. Auch in der Führung war man keineswegs so
ganz jeden guten Geistes bar, wie es dargestellt zu werden
pflegt. Wer war der Generalstabschef des Herzogs von
Braunschweig bei Auerstädt? Scharnhorst. Wer kommandierte
die Kavallerie bei Auerstädt? Blücher. Freilich, in
der eigentlichen oberen Führung fehlte es vollkommen; und
deshalb ging die Niederlage gleich bis ins Bodenlose. Aber
ein Sieg über Napoleon wäre mit den Mitteln des alten
Staates auch einem Friedrich unmöglich gewesen.
1813 wurde er möglich, und der Unterschied des Preußens
von 1806 und des Preußens von 1813 beruht darauf, daß
in der Zwischenzeit der Wille jedes einzelnen Staatsbürgers
zur Unterstützung des Staatswillens angerufen und wirklich
in Bewegung gesetzt worden war.
Diese Willensbeziehung des Einzelnen zum Staate ist der
reale Inhalt dessen, was insgemein mit einem Ausdruck,
den wir als mystisch erkannt haben, Volkswille genannt
wird. Der Kampfruf, unter dem allenthalben im Altertum
wie in der Neuzeit dieser Volkswille — wir mögen das
Wort, nachdem wir uns über seinen wahren Inhalt klar
geworden sind, beibehalten — für die Regierung des Staates
angerufen wurde, war immer die Freiheit. Ob die Freiheit
wirklich in jeder Beziehung bei der Einsetzung dieser Art
von Regierungen gewonnen und nicht auch manches verloren
hat, wollen wir vorläufig dahingestellt sein lassen, auf jeden
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