60 Das Veuische Reich und seine einzelnen Glieder. (Januar 30.)
Dinge sind, die große Verschiedenheiten haben, von denen das eine nicht auf
das andere gestützt werden kann, die aber auch so zahlreiche Beziehungen zu
einander haben, daß wenigstens in Deutschland das eine schwer von dem
anderen getrennt werden kann.
Der Herr Abgeordnete meint weiter, er baue das Christentum, wenn
ich ihn recht verstanden habe, auf die Kulturentwickelung; in der Kulturentwickelung
sehe er ein Fundament und eine der Grundlagen für das
Christentum. Ich und diejenigen, die auf eine historische Weltanschauung
Wert legen, sind in dieser Beziehung gerade der entgegengesetzten Ansicht.
Er hat sich dann weiter dagegen verwahrt, daß ich die Behauptung
aufgestellt hätte, das Ausland sei über die Fragen, die hier verhandelt
worden, nicht kompetent, — er meint, man könne auch dort sehr wohl von
einem allgemeinen Standpunkte aus die Grundsätze dieser Vorlage beurteilen.
Die menschlichen Fähigkeiten sind verschieden; mir ist es nicht so leicht geworden,
über diese Vorlage zu urteilen. Ich kann nur sagen — vielleicht
bin ich zu weit gegangen, wenn ich von mir auf andere schloß —, daß es
für mich eines ernsten und sehr langen Studiums bedurft hat.
Der Herr Abgeordnete steht, wie mir scheint, auf dem Standpunkt,
daß eine Schule auch ohne Religion existieren könne. (Widerspruch des Abgeordneten
Knörcke.) — Dann werde ich mich an Ihren Fraktionsgenossen,
den Herrn Abgeordneten Rickert mit dieser Bemerkung wenden, der uns
neulich auf das Beispiel von Schottland hinwies. Er sagte, in Schottland,
dem religiösesten Lande der Welt, hat man den Religionsunterricht aus der
Schule entfernt. Wenn die Voraussetzungen auch bei uns zuträfen, daß
wir zur Zeit und voraussichtlich auch für die Zukunft das religiöseste Volk
der Welt sein sollten, dann könnte ich mich mit Herrn Rickert über die
Sache verständigen; aber hier handelt es sich um Wirkung und Ursachen.
Schottland ist so religiös, daß es dies Risiko gehen kann, die Religion aus
der Schule zu nehmen, vielleicht ohne Schaden. Wenn wir das hhäten,
würden wir eben die Religiosität, die wir noch im Lande in unseren unteren
Schichten, in den Volksschulen haben, nach meinem Dafürhalten gefährden.
Ich halte — und das ist mein Standpunkt, Sie werden es mir nicht übelnehmen,
wenn es auch der Ihrige nicht ist — von der Religion im Leben
eines Menschen sehr viel, und darin werde ich mich vielleicht wieder nicht
der Zustimmung des Herrn Abgeordneten Rickert zu erfreuen haben. Es
ist heutzutage unter Arbeiterfamilien enorm schwer, Religiosität zu erhalten.
Bielleicht hat der Herr Abgeordnete Rickert sich ebenso wie ich mit den Verhältnissen
der Werftarbeiter beschäftigt, er kennt sie vielleicht noch besser,
als ich, und er wird wissen, wie der Tag eines solchen Menschen, einer
solchen Ehe, einer solchen Familie verläuft. In der Mehrzahl der Fälle
wird die Frau eines Werftarbeiters — ich bitte um Entschuldigung, wenn
ich darauf exemplifiziere, aber meine amtliche Thätigkeit hat mich durch
mehr als 5 Jahre mit diesem Berufskreise in Verbindung gebracht — also
man irrt sich, wenn man glaubt, daß die Frau einer solchen Familie die
Möglichkeit habe, in ausgedehnter Weise auf die Religiosität der Kinder
einzuwirken; ich halte das mindestens unter 10 Fällen in 9 für völlig ausgeschlossen.
Ich will Sie hier nicht langweilen mit der Schilderung eines
solchen Tages — wie die Frau den Tag verbringt, wie sie auf Arbeit geht,
wie sie dem Manne das Essen bringt, wo die Kinder bleiben —, aber das
ist einmal meine Ueberzeugung, und ich bin hier nicht ganz ohne Erfahrung:
es ist furchtbar schwer, wenn selbst eine sittlich gute Familie den
Versuch machen will, in ihren Kindern die Religiosität zu erhalten; die Verhältnisse
laufen vielfach dagegen. Wird diese Voraussetzung aber zugegeben,
dann frage ich weiter: wo soll denn nun ein Kind aus diesen und anderen