Bartels: Die deutsche Literatur während des Krieges
Arthur Babillotte (s. oben); Anton Fendrich,
dessen = Emil Himmelheber= etwas verspricht, ist
Badener. — Auch in OÖsterreich herrscht ganz frisches
Leben auf diesem besonderen Literaturgebiete. Wer
hätte gedacht, daß in Adam Müller-Guttenbrunn
(s. oben), der zunächst ganz im Banne des
modernen Theaters stand und Augiers -Haus Fourchambault=
fortsetzte, der Banater Schwabe noch so
mächtig herauskommen würde? Neben ihm mögen
hier nur Hans Fraungruber (s. oben), der Verfasser
der Ausseer Geschichten-, Rudolf Greinztgeb.
1866), der mit der (etwas erotistischene) Gertrud
Sonnweber= einen Erfolg hatte, Hans Schrott-Fiechtl,
der Tiroler (geb. 1867), und von Frauen
Susi Wallner (geb. 1868) u. Henriette Schrott
(geb. 1877) genannt sein. Karl Schönherrts. oben),
dessen „Weibsteufel (1915) während der Kriegszeit
vielfach verboten wurde, gehört natürlich auch hierher.
— Die Schweizer Dichter sind und bleiben fast alle
Heimatdichter. Neben Ernst Zahn (s. oben), der um
1910 den größten Ruf von ihnen hatte und noch jetzt
rüstig forkarbeitet, sind in den letzten Jahren Heinrich
Federer (geb. 1866), der, katholischem Milien
entwachsen, auch starke kulturhistorische Begabung hat
und gelegentlich nach Italien hinüberschweift, Johannes
Jegerlehner (s. oben) und der Bauerndichter
Alfred Huggenberger getreten, der auch
ein guter Lyriker ist.— Über die Berühmtheiten unter
unseren meist von der Heimatkunst beeinflußten Unterhaltungstalenten
soll hier nur ganz kurz gesprochen
werden. Max Dreyer hat, wie schon erwähnt, zuletzt
einen guten Roman aus der Zeit nach den Freibeitskriegen,
Der deutsche Morgen, geschrieben. Der
letzte Teil von Otto Ernsts (geb. 1862) autobiographischem
Roman, -Asmus Semper, der Manne,
ist dichterisch schwach und menschlich wenig sympathisch;
Gustap Frenssen (geb. 1863) hat fr seinen
unglaublich taktlosen Versuch, Bismarck episch zu einer
Art Reineke Fuchs unugestalten. den verdienten
Lohn erhalten und das Werk schleunigst zurückgezogen.
Die fleißige Tätigkeit Ottomar Enkings (s. oben),
von dem uns die Kriegszeit fünf Romane brachte, ist
unzweifelhaft schätzenswert. Auch Franz Adam
Beyerlein (geb. 1871) und Paul Keller (geb. 1873)
haben in ihrer letzten Entwicklung noch beachtenswerte
erke gegeben.— Einen unzweifelhaften Aufschwung
hat im letzten Jahrzehnt wieder der Geschichtsroman
genommen. Paul Schreckenbach (geb. 1866) ist
gewiß kein Großer, aber man liest alle seine Werke, die
meist auf dem ihm vertrauten thüringisch-sächsischen
Boden spielen, mit wahrem Vergnügen. Rühmenswert
sind auch Hanns von Zobeltitz (geb. 1853)
mit „Der Alte auf Topper= (1915) und Fedor
Sommer (geb. 1864) mit = Das Waldgeschrei". Weniger
sorgfältig als diese arbeitet Johannes Dose
(geb. 1860), der zuletzt einen Düppel-= und einen
Luther--Roman geschrieden hat, ebenso Walter
Bloem (geb. 1868), der einen Romanzyklus von
1870 (°Das eiserne Jahr-, - Voll wider Volk-, -Die
Schmiede der Zukunft ) herausgegeben hat; erist nicht
ohne sensationelle Elemente. Verdienten Beifall fand
der Roman aus den Freiheitskriegen = Die Flammenzeichen
rauchen= von Paul Grabein (s. oben). —
Hohe Kunst sind bis zu einem bestimmten Grade sicherlich
die Romane von Enrica Baronin Handel-Mazzetti
(geb. 1871), deren leßter großer (2 Stephana
Schwertnere) sehr verschiedenartige Beurteilung
gefunden hat; ganz ohne Manier sind sie aber
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nicht. Solche findet sich auch in Julius Havemanns
(geb. 1866) Freihätskriegroman -Der Ruf
des Lebens-. Ihm kann man dann noch die Friedrich.
der- Große-Romane von Paul Schulze--Berghoff
(geb. 1873) und auch Wilhelm Schäfers(geb.
1868) . Der Lebenstag eines Menschenfreundes.
(Pestalozzi, 1915) anschließen.— Großes Aufsehen hat
unmittelbar vor dem Krieg ein hinterlassener Frauenroman,
Agnes Günthers (1863—1911).-Die Heilige
und ihr Narr«, erregt. Das Urteil über ihn steht
noch nicht fest. Gehalt kann man ihm jedenfalls nicht.
absprechen, aber auf neuer Bahn geht er nach des Verfassers
Ansicht nicht. Daß Marie Diers (geb. 1867),
Agnes Härder (geb. 1864), Marie Burmester-(geb.
1870), Helene Christaller (s. oben), Lisbeth
Dill (s. oben) gute Unterhaltungsschriftstellerinnen
sind und öfter auchin höherem Sinne wertvolle
Werke schreiben, sei hier kurz bemerkt. In unserer Unterhaltungsliteratur
steckt immer noch viel Gesundes.
Der große Erfolg der Kriegszeit war Gustav
Meyrinks (eigentlich Meyer, geb. 1868) = Der Golem“,
und mit ihm kommen wir denn zu der neuen
Moderne, die im großen ganzen nicht sehr erfreulich
ist. Man hat die neuen Richtungen der Literaturentwicklung
mit den Schlagworten Asthetismus und
Erotismus bezeichnet, und zweifellos ist es richtig, daß
die Loslösung vom Leben, die Üübertreibung des Formalen
in der modernen Dichtung unverkennbar und
daß ferner eine übersteigerung des erotisch-sinnlichen
Elements vorhanden war. Als drittes Schlagwort
könnte man dann vielleicht noch Exotismus wählen;
das Exotische jeder Art, auch wo es sich, wie beim-Golem,
in unserem deutschen Leben nur eingesprengt
fand, zog das neue Geschlecht stark an. Endlich könnte
man vielleicht noch das Schlagwort „Perversismushinzufügen;
die Verkehrung aller Dingeins Anormaleoder
Abnorme war eine oft geübte Liebhaberei deutscher
Dichter geworden. Zweifellos gehört die Doppelgängergeschichte
Meyrinks und ferner sein neuetes
Werk Das grüne Gesicht“, das den Ahasvertoff
behandelt und schon roher ist, auch der perversen
ichtung an. Als ihren Begründer hat man vielfach
Hanns Heinz Ewers (s. oben)hingestellt, den Verfasser
der „Teufelsjäger (1909), der von E. T. U.
Hoffmann ausgegangen sein soll, aber doch zuletzt nicht
allzuviel mit dem alten Romantiker gemein hat. Karl
Hans Strobl (s. oben, „Eleagabal Kuperus«),
Hans Hyan (geb. 1868), Hermann Eßwein
(geb. 1877) sind weitere Vertreter dieser Richtung,
und in manchem Betracht kann man auch Jakob
Wassermann (geb. 1873) zu ihr stellen (man vergleiche
den Helden in -Die Masken Erwin Reinerse,
den Carovius im „Gänsemännchene!), der freilich in
ihr nicht aufgeht. Als Hauptvertreter des Erotismus.
ist Heinrich Mann (geb. 1871) zu bezeichnen, dessen
während des Krieges neu erschienene „Jagd nach
Liebe= vielfach Unwillen hervorgerusen hat. Sein
Bruder Thomas Manntgeb. 1875) ist weniger Erotist,
ist scharfblickender Gesellschaftsschilderer, der sich
aber, wie sein -Tod in Venedig= und sein -Friedrich
und die große Koalition= zeigen, überschätzt. Nur Unterhalter
(mit unangenehmen Einschlägen) ist immer
Georg Engel (geb. 1866) gewesen, und Georg
Hirschfeld (geb. 1873), der seit 1912 neun Romane
geschrieben hat, ist jetzt auch nicht mehr, ebenso trotz
der ihm nachgerühmten -Innerlichkeit:e Karl Rosner
(s. oben). Georg Hermann (Borchardt, geb.
1871) möchte wohl ein Humorist heißen, aber sem