mählich während der langen diplomatischen Verhandlungen im
Sommer in Gefühle des Zorns und der Rache. Unsichtbar begann
sich ein Wandel in dem geistigen Zuftand des
französischen Volkes zu vollziehen. Die junge, nach 1870
geborene Generation kehrte fich von dem Pazisismus der Alten
und den deutschfreundlichen Bestrebungen der sogenannten Humanitaristen
der vorangegangenen Periode ab. An Stelle der Verehrer
deutscher Geistesart, Renan, dem es beim Studium unseres
geistigen Lebens im vorigen Jahrhundert war, als wäre er in
einen Tempel eingetreten, serner Taine, Monod u. a., traten die
Léon Daudet und Barres und seuerten den kriegerischen Sinn und
den Stolz der Franzofen auf ihre vermeintliche kulturelle Überlegenheit
gegenüber den deutschen „Barbaren“ von neuem an?).
Außerordentlich förderlich für den neuen Geist in Frankreich
erwies fich die von Holstein aufgebrachte Geiseltheorie. Sie
erschien zuerst in einem Artikel der „Kreuzzeitung“ von Th. Schiemann
in solgender Form: Man sei sich in Deutschland einig darüber,
daß, wenn wir in Konflikt mit England gerieten, dies in
seinem Ursprung Frankreich zu verdanken wäre, weshalb Deutschland
einen folchen Krieg nicht anders als in Frankreich führen
würde. Die Parifer Presfe grifs die Drohung der „Kreuzzeitung“,
die sich mit der Geiseltheorie Holsteins deckte, auf und verdammte
aufs hestigste den „Schiemanismus“ der deutschen Politik. In der
Tat konnte es für die Franzosen kaum etwas Aufreizenderes geben.
Die Wirkung war entgegengesetzt den Bemühungen Bülows, ein
besseres gegenseitiges Verstehen beider Völker herbeizuführen.
Jules Huret, ein wohlwollender Berichterstatter über deutsche Zustände
und Einrichtungen, mit dem Bülow auf Spaziergängen am
trand von Norderney gern Gespräche gepflogen hatte, erhielt aus
seinem Leserkreise den Rat, feine Berichte einzustellen. Der Franzose
geht nach den großen Sentiments. Ist das herrschende Gefühl
Mißtrauen oder gar Abscheu gegen ein anderes Land, so muß
sich der Zeitungsmann scheuen, felbst geringfügige objektive Wahrheiten
über dieses Land zu verbreiten, die mit dem allgemeinen
*) Belege hierfür s. bei Eduard Wechßler, „Die Franzosen
und wir, der Wandel in der Schätzung deutscher Eigenart 1891—1914,
Jena 1915.
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