Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

weit  kommen  lassen  würde.  Der  Flottenbauplan,  auf  Grund  dessen  Deutschland
  unter  Wilhelm  II.  zur  Schoffung  einer  eigenen  Hochseefiotte  geschritten
ist,  „rechnete  in  allen  seinen  Einzelbelten  mit  einem  neutralen  England“
(Tirpitz,  S.  59.)  Welch  nalve  Illusion!

Daß  die  ganze  Entwicklung  unserer  Flotte  mit  einem  beständigen  Kampf
gegen  die  Bedenken  der  Reicheleltung,  wir  würden  durch  die  Fiottenreform
England  zum  Kriege  reizen,  Hand  in  Hand  ging,  ist  bekannt.

Tatsache  ist,  daß  wir  bei  Ausbruch  des  Krieges  eine  Hochseeflotte  besaßen,
weiche  vortrefflich  war,  „das  Personal  voll  Kampfbegierde,  in  hohem  Aueblldungsstand,
  das  Material  dem  englischen  überlegen“  (Tirpitz,  S.  298).  Immerbin
  befand  sich  die  Flotte,  ale  sle  den  sechs  größten  Seemächten  entgegengestellt
wurde,  noch  ln  der  Entwlcklung.

Ein  ganz  neues  Moment  war  in  den  Ausbau  unserer  Flotte  hbineingekommen
durch  die  Entwicklung,  welche  in  den  letzten  Jahren  vor  dem  Kriege  das  Unter--seeboot
  gewonnen  hatte.  Zwar  war  die  deutsche  Marine  bel  Kriegsausbruch
sowohl  in  bezug  auf  die  Qualitat  wle  auf  die  Zahl  der  Unterseeboote  den  anderen
Marinen,  lnsbesondere  auch  der  engilschen,  überlegen.  Nach  Tirpitz"  Angabe
standen  bei  Kriegeauebruch  sieben  englische  U-Boote  für  Fernwirkung  gegen
zehn  deutsche  U-Boote  ln  hoher  Vollendung.  Aber  die  ungebeure  Bedeutung,
welche  das  U-Boot  im  Krieg  erlangen  sollte,  vor  allem  die  Möglichkeit  elnes
vollkommen  selbständigen  Operierens  auf  weite  Entfernungen,  war  damals
noch  ulcht  erkannt  und  ist  erst  im  Verlaufe  des  Krieges  durch  die  Taten  der
Weddigen  und  Herwig  in  die  Erscheinung  getreten.

6.

Dies  war  in  großen  Zügen  geschildert  die  militärische  Lage  der  Mittelmächte
bel  Kriegsausbruch.  Die  Grundzüge  seien  noch  einmal  kurz  rekapltuliert:

Deutschland  und  Osterreich  waren  für  den  Zwelfrontentrlieg  nicht  vollständlg
  gerüstet  Iinsofern,  ale  Deutschland  kaum  zwei  Drittel  seiner  wehrfähigen
Mannschaften,  Osterreich  knapp  ein  Orittel  mllitärisch  ausgebildet  hatte.
Die  deutsche  Armee  war  auegezeichnet  geschult  und  verfügte  über  ein  vorzügliches
  Offlzierkorps.  Ihre  Ausrüstung  und  Bewaffnung  war  nicht  auf  der  vollen
benötigten  Höhe,  insbesondere  ließen  die  Feldartillerle  und  die  Munitions--versorgung
  zu  wünschen  übrig.  Oie  österreichisch-ungarische  Armee  war  in  einem
leidlichen  Zustande  der  Friedensausblidung,  aber  während  im  deutschen  Heere
böchstens  unter  den  elsässischen  und  polnischen  Mannschaften  sich  einzelne  unsichere
  Elemente  befanden,  war  die  Armee  der  Doppelmonarchie  infolge  der
nationalen  Verhältussse  von  vornherein  keln  unbedingt  zuverlässiges  Kriegsinstrument.
  Eine  einbeitliche  Kriegsleltung  war  im  Beginn  des  Kriegee  nicht
bergestellt,  geschweige  denn  eine  einheitliche  politische  Leitung.  Die  deutschen
Seestreltkräfte  befanden  sich  noch  in  der  Entwicklung;  das  Vorhandene  war
ausgezeichnet.  Die  österreichischen  Seekräfte  hatten  elne  ruhmvolke  Vergangenbeit;
  lhre  Schlogkraft  für  den  modernen  Seekrleg  war  nicht  über  jede  Anzweiflung
  erbaben.

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