Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechster Jahrgang. 1890. (31)

136  HN%os  beische  Reich  und  seine  einzelnen  Slieder.  (Juni  24.)

betrachten  müßten,  wofür  wir  denn  auch  einen  Beistand  haben,  der  boffent.
lich  mächtiger  ist  als  alle  anderen,  nämlich  das  Wort  des  verstorbenen
Kaifers  Wilheln,  der  solche  Pläne  für  undurchführbar  hielt  ohne  den  Ruin
es  Landes.

Nun  sagt  man,  um  meine  Freunde  und  mich  wohl  besonders  zu
schrecken:  ihr  seid  in  voller  Inkonsequenz  eurer  Handlungen;  früher  habt
ihr  gegen  den  Militarismus  gekämpft,  heute  wollt  ihr  ihn  unterstützen  und
bewilligen;  ihr  habt  den  Wählern  etwas  anderes  versprochen,  als  ihr  jetzt
thun  wollt.  Meine  Herren,  wir  haben  jederzeit  uns  bemüht,  die  Forderungen
für  die  Armee  möglichst  herabzudrücken;  wo  aber  klar  gemacht  wurde,  daß
die  Bewilligung  notwendig  sei,  haben  wir  mit  allen  anderen  für  die  Bewilligung
  gestimmt,  und  bei  der  letzten  Septennatsvorlage  haben  wir  alles
bewilligen  wollen,  jeden  Mann  und  jeden  Groschen,  —  nur  wollten  wir  es
nicht  auf  sieben  Jahre  thun,  während  die  anderen  es  auf  sieben  Jahre  bewilligen
  wollten,  —  ich  kämpfe  mit  ihnen  heute  nicht,  weil  ein  Teil  derselben
  zu  meinen  Anschauungen  übergegangen  ist;  und  wenn  Frieden  geschlossen
  ist,  sind  die  Feinde  Brüder  geworden.  Anders  thun  wir  auch  jetzt
nicht.  Und  was  das  Versprechen  an  die  Wähler  betrifft,  so  kann  ich  ja
nicht  wissen,  was  dieser  oder  jener  meiner  Freunde  in  seinen  Reden  gesagt
haben  mag;  aber  was  die  Fraktion  gesagt  hat,  das  steht  in  dem  Programm
vom  Januar,  und  in  diesem  Programm  heißt  es,  daß  wir  auf  allen  Gebieten
  die  größte  Sparsamkeit  innehalten  wollten,  selbstverständlich  aber,
wie  immer,  eintreten  würden  für  die  Ehre,  für  die  Würde  und  die  volle
Wehrhaftigkeit  des  Landes.  Nun,  meine  Herren,  sind  denn  diese  Worte  in
irgend  einem  Widerstreite  mit  dem,  was  meine  Freunde  und  ich  jetzt  zu  thun
gewillt  sind:  Wir  wollen  nichts  anderes  bewilligen,  als  was  uns  als  notwendig
  hingestellt  worden  ist,  und  mit  guten  Gründen,  die  ja  selbst,  wenn
ich  nicht  irre,  der  *  Abgeordnete  Rickert  anerkannt  hat.  Was  als  notwendig
  hingestellt  ist,  das  wollen  wir  bewilligen,  weil  es  dient  zur  Aufrechterhaltung
  der  Ehre,  der  Würde  und  der  Sicherheit  unseres  Vaterlandes;
und  ich  fordere  jeden  Mann  heraus,  mir  nachzuweisen,  wo  immer  die  Zentrumsfraktion
  als  solche  etwas  gesagt  oder  gethan  hat,  was  mit  dem  im
Widerspruch  steht,  was  wir  heute  zu  thun  im  Begriff  sind.  Wir  haben  in
früheren  Programmen  erklärt,  daß  wir  eintreten  wollten  für  die  jährliche
Bewilligung,  daß  wir  eintreten  wollten  für  die  zweijährige  Dienstzeit.
Meine  Herren,  wir  thun  das  hier.  (Zurufe  links.)  —  Wir  fordern  es  mit
Bestimmtheit,  können  es  aber  nicht  erzwingen  in  der  Art,  wie  Sie  es  erzwingen
  wollen,  weil  wir  dadurch  das  Vaterland  wehrlos  machen.  (Sehr
richtig!  im  Zentrum.)

Meine  Herren,  es  wird  noch  Zeiten  genug  geben,  und  ich  fürchte,
daß  sie  schon  im  Herbst  da  sein  werden,  wo  sich  Gelegenheit  genug  bietet,
wo  Forderungen  vorliegen  werden,  die  weniger  als  notwendig  anerkannt
sind  als  die  heutigen  Forderungen:  dann  haben  Sie  das  Programm;  erinnern
Sie  uns  daran,  wenn  wir  es  vergessen  könnten.

Meine  Herren,  das  sind  so  wesentlich  die  Gesichtspunkte,  welche  bei
der  hier  vorliegenden  Angelegenheit  von  uns  ins  Auge  gefaßt  sind,  und
wonach  wir  unsere  Abstimmung  einrichten  werden.  Wir  stimmen  für  die
Vorlage  mit  den  Resolutionen,  stimmen  nicht  für  die  Anträge,  wie  sie  als
Bedingung  für  die  Annahme  der  Vorlage  gestellt  sind;  die  Lißerenzen  liegen
nicht  in  der  Sache,  sondern  in  der  Form  der  Geltendmachung.

Was  nun  den  Antrag  Richter  betrifft,  so  weiß  ich  doch  gar  nicht,
ob  derselbe  in  der  Form,  wie  er  gestellt  ist,  zulässig  ist;  denn  ich  meine,
daß  darin  eine  Verfassungsveränderung  liegt,  und  diese  müßte  vorher  hergestellt
  werden.  Daß  eine  Verfassungsveränderung  vorliegt,  wird  in  dem