Full text : Das Höhere Lehramt in Deutschland und Österreich.

In  den  germanischen  Wäldern.  21

liche  Jahrhunderte  gewoben  haben,  so  ist  die  Möglichkeit,
den  geschichtlichen  Kern  aus  der  dichterischen  Hülle  zu
lösen,  unwiederbringlich  verloren.  Wir  wissen  nur,  der
Ariechisch=  römischen  Welt  stand  die  germanische  als  ein
Unbekanntes,  Drohendes,  Geheimnißvolles  gegenüber.
Das  Geheimnißvolle  hat  aber  von  jeher  die  Menschen
angezogen  und  so  kann  es  nicht  Wunder  nehmen,  daß  die
germanische  Ferne  schon  frühzeitig  die  Neugier  oder  Abenteuerlust
  von  einzelnen  Angehörigen  der  antiken,  d.  h.  der
Friechisch=  römischen  Gesellschaft  herausforderte.  Solche
Reisende  setzten  dann  im  heimischen  Süden  die  Kunde
von  dem,  was  sie  bei  den  „Hyperboräern“  und  im  „Wunderland
  Thule“  gesehen  oder  auch  nicht  gesehen,  in  Umlauf
  und  es  ist  nicht  unglaublich,  daß  in  den  Städten  von
Hellas  und  Italien  Sagen  von  germanischer  Natur  und
Art  umgingen,  welche  nicht  weniger  wunderbar  lauten
mochten  als  das,  was  Spwift  seinen  Gulliver  von  den
Zuständen  in  Lilliput,  Brobdingnag  und  Laputa  erzählen
läßt.  Mit  solchen  Fabulirern  darf,  soweit  eine  Entscheidung
  möglich,  jener  Pytheas  aus  Massilia  (Marseille)
nicht  zusammengeworfen  werden,  welcher  etwa  zur  Zeit
Alexander's  des  Großen,  also  im  4.  Jahrhundert  v.  Chr.,
von  seiner  phokäischen  Vaterstadt  aus  zwei  Fahrten  zur
Umsegelung  des  Festlandes  von  Europa  unternahm.  Von
diesem  wißbegierigen  Griechen  stammen  aller  Wahrscheinlichkeit
  nach  die  ältesten  Berichte  über  den  germanischen
Norden  und  es  ist  daher  zu  beklagen,  daß  von  seinem
Reisebuch  nur  ganz  dürftige  Fragmente  auf  uns  gekommen
sind.  Pytheas  muß  weit  in  den  hohen  Norden  vorge-