Belgische Urtelle über dle Ententepolitik. 25
den Gesandtschafteberichten, die von einem geringen Zutrauen zu den
Friedensabsichten Großbritanniens sprechen, das es nicht ungern sähe,
wenn die anderen sich gegenseitig verschlingen, werden in den Zirkularen
unterdrückt.
Im Mai 1912 wird der belgische Gesandte in Berlin, Baron Greindl,
der die deutsche Friedensliebe in allen seinen Berichten scharf hervorgehoben
hatte, ersetzt durch den deutschfeindlichen Baron Beyens. Um
so bemerkenswerter ist es, daß auch in der Folgezeit noch wiederholt die
absolute Friedensliebe Kaiser Wilhelms mit aller Bestimmtdbeit festgestellt
wird. Auch ein Wiener Bericht betont den mäßigenden Einfluß
Kaiser Wilhelme auf den österreichischen Thronfolger, und selbst in einem
Pariser Bericht vom 29. Dezember 1912 ist zu lesen: „Alle Mächte wollen
aufrichtig den Frieden, und Kaiser Wilhelm zeichnet sich ganz besonders
durch seine Friedensabsichten aus.“ Zu dieser Feststellung friedlicher
Absichten aller Mächte stehen in scharfem Gegensatz die Meldungen über
die russische Politik, die sich in ständigen Quertreibereien, Hetzereien
und Intrigen ergeht. IZnsbesonders wird wieder und wieder festgestellt,
daß alle großserbischen Tendenzen bei dem offiziellen Bertreter der
russischen Regierung in Belgrad ihren Mittelpunkt haben, und daß von
dort aus immer aufs neue in die schwelende Elut geblasen wird.
Der Sommer 1912 bringt den Besuch des französischen Ministerpräsidenten
Poincaré in Petersburg, dessen eigentliche Bedeutung: die
Vertiefung des französisch-russischen Bündnisses und die gewaltige Verstärkung
der russischen Kriegerüstungen durch französisches Geld —, hartnäckig
verschwiegen, der Welt und auch den belgischen Gesandten erst
zwei Zahre später bekanntgegeben wird. Um dieselbe Zeit hält im Zeichen
der antideutschen Politik Greps der britische Marineminister Churchill
seine große Flottenrede im Unterhaus, in der er die deutsch-englischen
Gegensätze als in Wahrheit unüberbrückbar bezeichnet. ODadurch wird
zugleich nach Ansicht des belgischen Gesandten die französische Revancheidee
zum Paroxyeomus gesteigert und der Brand, auf den man sich vorbereitet,
weiter geschürt. Wie eine Bombe schlägt nach Ansicht des belgischen
Gesandten in Parie im nächsten Zahre die Ernennung Oelcassés
zum Botschafter in Petersburg ein. In der Tat sind es, so berichtet der
Pariser Gesandte, am 16. Januar 1914 die Herren Poincaré, Delcassé,
AMillerand und ihre Freunde, die die nationalistische, militaristische und
chauvinistische Politik erfunden haben, die eine Gefahr für Europa und
Belgien darstellt, die größte Gefahr, die den europäüischen Frieden
bedroht.
Es folgen in den ersten Monaten 1914 die russischen Mobilmachungevorbereitungen,
die nach dem Bericht des belgischen Gesandten in Stock-