Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

444  Deuisthes  Reit.  (Nov.  9.)

die  Heimat  und  ging  auf  meine  Vorschläge  nicht  ein.  Hätte  die  Oberste
Heeresleitung  dem  Kaiser  am  8.  die  Wahrheit  über  die  Armee  gesagt,  wie
sie  sie  ihm  endlich  am  9.  früh  mitteilte,  so  zweifle  ich  nicht  daran,  daß  der
Kaiser  am  8.  abends  den  Thronverzicht  ausgesprochen  hätte.  Spät  am
Abend  und  während  der  Nacht  wurde  die  Orientierung  des  Hauptquartiers
for#igesetzt:  durch  Telegramme  von  Exz.  Solf  und  von  mir,  Telephongespräche
von  Oberst  v.  Haeften  mit  dem  General  Groener,  von  Exz.  Wahnschaffe  mit
Freiherrn  v.  Grünau.  Meiner  Erinnerung  nach  ist  auch  eine  Auskunft  eines
soz.  Führers,  die  um  Mitternacht  in  der  Reichskanzlei  eintraf,  sogleich  nach
Spa  weitergegeben  worden.  Sie  besagte,  daß  die  Abdankungserklärung  bis
zum  frühen  Morgen  da  sein  müsse,  wenn  man  die  Arbeiter  in  den  Fabriken
zurückhalten  wolle.  So  ist  es  ausgeschlossen,  daß  die  Oberste  Heeresleitung
am  8.  Nov.  über  den  zwischen  Berlin  und  Spa  über  die  Abdankungsfrage
  geführten  Meinungsaustausch  nicht  orientiert  worden  ist.  Sie  wußte,
welche  entscheidende  Bedeutung  ihre  militärischen  Gutachten  für  die  Entschlüsse
  des  Kaisers  haben  werde.  Sie  mußte  sich  sagen,  daß  die  Ereignisse
in  Berlin  zur  schnellsten  Entscheidung  drängten.  Die  in  der  „Disch.  Tagesztg.“"
veröffentlichte  Denkschrift  enthüllt,  „daß  die  Oberste  Heeresleitung  bereits
am  8.  abends  die  Undurchführbarkeit  der  von  dem  Kaiser  befohlenen  Operationen
  gegen  die  Heimat  erkannt  hatte“  —  es  lagen  bereits  damals  Beispiele
  unerhörter  Unzuverlässigkeit  von  Formationen  vor,  die  als  Kerntruppen
  angesehen  wurden  und  denen  die  Aufgabe  zugewiesen  war,  den
Rücken  des  Großen  Hauptquartiers  gegen  die  Aufrührer  zu  decken.  Was
hat  die  Oberste  Heeresleitung  veranlaßt,  am  8.  zu  schweigen?  Warum
wurde  nicht  wenigstens  noch  in  der  Nacht  vom  8.  auf  den  9.,  in  der  sich
noch  vieles  machen  ließ,  die  Aufklärung  des  Kaisers  in  Angriff  genommen?

4.  Die  Denkschrift  spricht  von  Widersprüchen  zwischen  den  Auskünften
der  Reichskanzlei  und  des  Gouvernements  über  die  militäriüche  Lage  in
Berlin  am  Vormittag  des  9.  Es  ist  unmöglich,  daß  der  Ausdruck,  Berlin
flösse  in  Blut,  von  irgendeinem  Herrn  der  Reichskanzlei  gebraucht  worden
ist.  Hier  muß  ein  telephonisches  Mißverständnis  vorliegen.  Wohl  ist  es
möglich,  daß  die  Angaben  der  Reichskanzlei  und  des  Gouvernements  in
belanglosen  Einzelheiten  auseinandergingen.  Worauf  es  ankommt,  ist,  daß
sie  in  der  entscheidenden  Tatsache  übereinstimmten:  die  Situation  in  Berlin
ist  mit  militärischen  Machtmitteln  nicht  zu  halten  (vgl.  die  Denkschrift  des
Generals  v.  Schulenburg:  Gleichzeitig  lief  die  telephonische  Antwort  des
Gouverneurs  von  Berlin  ein,  die  diese  Mitteilung  des  Reichskanzleramtes
bestäligte,  daß  die  Truppen  übergelaufen  seien  und  er  selbst  keine  Truppen
mehr  in  der  Hand  habe).

5.  Die  Denkichrift  läßt  die  wichtige  Tatsache  unerwähnt,  daß  auf
Grund  der  Aufklärung  über  die  Armee  und  auf  Grund  der  Vorschläge  und
Nachrichten  aus  Berlin  der  Kaiser  sich  im  Laufe  des  Vormittags  tatsächlich
  zu  dem  Entschluß  durchgerungen  hatte,  abzudanken,  und  zwar  vorbehaltlos
  als  Kaiser  und  König  von  Preußen.  Graf  v.  Schulenburg  und
auch  ein  anderer  Augenzeuge  bestätigt:  „S.  M.  waren  durch  diese  Meldungen
  aufs  tiefste  beeindruckt  und  scheinbar  entschlossen,  seine  Person  zum
Opfer  zu  bringen,  um  den  Bruderkrieg  zu  vermeiden.“  Das  muß  ungefähr
um  11  Uhr  gewesen  sein.  Eine  erneute  Sinnesänderung  trat  ein  auf  Grund
der  Einwirkung  des  Generals  Graf  v.  Schulenburg,  der  im  Gegensatz  zu
dem  Gutachten  der  Obersten  Heeresleitung  erklärte,  die  Armee  stehe  doch
hinter  dem  Kaiser  und  würde  auseinanderfallen,  wenn  er  nicht  König  von
Preußen  und  Oberster  Kriegsherr  bleibe.  (Hierbei  ist  zu  bemerken,  daß  die
Schulenburgsche  Auffassung  von  der  Haltung  der  Armee  gleich  darauf  von
den  Frontoffizieren  seiner  eigenen  Armee  widerlegt  wurde.)  Der  Kaiser