10 Beutsches Reich. (Jan. 15.)
Abg. Erzberger (Ztr.), welche Gründe die Regierung zu ihren neuen
Maßnahmen bezüglich der Internierung von Franzosen und Französinnen
nordfranz. Gebiete (s. S. 4) veranlaßt hätten, bestätigt General Friedrich,
daß Frankreich in der Behandlung der Gefangenen weit hinter allen Staaten
steht. Wenn die Franzosen ihr Verhalten nicht ändern, werden weitere
scharfe Vergeltungsmaßnahmen angeordnet. Das schwere Unrecht, das die
Franzosen an unseren Elsässern getan haben und ihre Weigerung, sie zurückzugeben,
war der Anlaß, daß 600 Franzosen nach Litauen und 400 Französinnen
nach Holzminden überführt wurden. Mindestens 200 Elsässer
werden noch widerrechtlich in Frankreich zurückgehalten. Alle Vorstellungen
und Verhandlungen haben die Franzosen unbeachtet gelassen. Die Internierten
werden solange festgehalten, bis die Franzosen den letzten Elsässer
herausgegeben haben. Wir sind dabei in gutem Recht, was auch die Neutralen
anerkennen werden. Die Verhandlungen in Bern mit den Engländern und
anderen Nationen sind mir in guter Erinnerung. Der gute Wille war auf
beiden Seiten vorhanden, den Austausch der Kriegsgefangenen in die Wege
zu leiten. Auch die Verhandlungen in Kopenhagen waren erfreulich. In
Bern hatte die deutsche Regierung großen Widerstand zu überwinden, um
60000 Familienväter zum Austausch zu bringen. Die Franzosen legten
alle möglichen Hindernisse in den Weg. Die Schweiz hat unsere Bemühungen
lebhaft unterstützt. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß sich die Franzosen
doch noch besinnen, mit uns in Unterhandlung über den Austausch weiterer
Gefangenen zu treten und eine bessere Behandlung unserer Landsleute in
die Wege zu leiten. Am 1. Februar werden Schweizer Aerzte in Frankreich
und Deutschland Umschau halten, und ich hoffe, daß das Ergebnis ein
gegenseitiger Austausch bezw. Internierung von Gefangenen in der Schweiz
sein wird. Die Internierung gesunder Familienväter in der Schweiz ist
durch das Entgegenkommen der Schweiz ermöglicht worden. Unser Vorschlag,
20000 Väter auszutauschen, Kopf um Kopf, wurde von Frankreich
nicht angenommen. Wir schlugen dann vor, 5000 Franzosen gegen 4000
deutsche Familienväter auszutauschen, sie wollten aber weit mehr. Fluchtversuche
Deutscher werden in Frankreich sehr bestraft; in Deutschland und
England auf Grund von Vereinbarungen dagegen mit 14 Tagen Gefängnis.
In bezug auf Sabotage sind wir nur mit England im Einvernehmen, sie
soll weder getrieben, noch unterstützt werden. In Frankreich dagegen wird
die Sabotage amtlicherseits unterstützt. Das muß gegenüber irrtümlichen
Zeitungsmeldungen festgestellt werden. Beschimpfungen, schlechte Behandlung,
Beraubung der Kriegsgefangenen sind in Frankreich häufig. Wir
haben Vorstellungen erhoben und Maßnahmen dagegen verlangt; ebenso
haben wir die Verwendung gefangener Unteroffiziere aller Grade nur zur
Beaussichtigung gefordert. Liebesgabendienst und Postverkehr, geistlicher Hilfsdienst
und Bücherversorgung werden ebenfalls Gegenstand der Verhandlungen.
Frankreich darf nicht im Zweifel sein, daß wir, falls es die erniedrigende
Behandlung unseren Gefangenen gegenüber nicht ändert, weitere
Vergeltungsmaßnahmen anordnen werden. Wir haben 410000 gefangene
Franzosen und über 7000 Offiziere, mindestens doppelt so viel als wie die
Franzosen Gefangene von uns. Wir müssen schließlich gegen die gefangenen
Franzosen vorgehen, wollen wir unsere braven Soldaten und Krieger nicht
im Stiche lassen. «
Bei der Festsetzung der Tagesordnung der nächsten Sitzung beantragt
Abg. Fischbeck (Fortschr. Vp.) die Wiederaufnahme (s. S. 3) der
politischen Erörterung über die Friedensverhandlungen mit Rußland,
auch ohne daß eine Erklärung des Reichskanzlers abgewartet werde; die
Vorgänge der letzten Tage ließen eine Aussprache notwendig erscheinen. —