124 Max Lenz.
deutschen Territorialstaat, vorzlglich in Preußen, die besten Kräfte der
Nation wirksam geworden find, und daß vor allem Preußen jene Geistesmacht
in sich ausgenommen hat, in der unser Volk zu Luthers Zeit
seinen Lebensodem und den Schlußstein seiner wahrhaftigen Einigkeit erblickt
hat. Freilich werden wir nicht vergessen, daß es immer noch die
gFlorreichsten Zeiten Preußens gewesen sind, in denen die Unglücksraben
ganz verschwanden und die geistigen Führer unseres Volkes seiner Staatslenkung
am einmüligsten zugejubelt haben. Das Fridericanische Wort
„Toujours en vedette“, das uns der erste Kanzler des neuen Reiches
über das Grab hin zuruft, dürfte weniger noch den äußeren Gegnern
gelten (denn wer unter uns würde diese fürchten 7) als den inneren
Feinden, die nicht bloß an den Grundmauern rütteln, sondern in allen
Stockwerken hausen. Jedermann auf seinem Posten! Suchen wir denjenigen
zu behaupten, den die Weisheit unserer Könige uns angewiesen
hat. Er gehört nicht zu den geringsten. Denn uns vor andern ist die
Pflege jener Gedanken anvertraut worden, die in den „Kern der Nuß
und in das Mark des Weizens“ dringen, die das Lebensgeheimnis auch
der politischen Macht enthalten: die geistigen Realitäten, ohne welche
alle äußere Gewalt, und wäre fie auch, wie Luther schreibt, „aus aller
Welt auf einen Haufen zusammengeschmelzet“, nur Schein und Schatten
bleiben wird. Mag Bismarck auch mitunter in der Zeit haßerfüllten Kampfes
oder in der Bitterkeit einsamen Alters das Augenmaß für dieselben getrübt
worden sein: daß er es dennoch besaß, und daß er in ihnen das
Lebensmark seiner Existenz erblickte, hat er hundertfach bewiesen. Er,
der nicht begreifen konnte, wie ein Mann von Nachdenken über sich ein
Leben ohne Gott ertragen könnte und es nicht lieber ablegen sollte
wie ein schmutziges Hemde, dieser Preuße, der es zum Verzweifeln hielt,
wenn wir auf den Patriotismus mit unserer Seligkeit angewiesen
wären, wußie, daß es etwas Höheres gab als alle Macht dieser Welt.
Mit allen Fasern seines Wesens wurzelte er in dem Gottesbegriff
Martin Luthers. Und der noch als Greis sich eingeschworen nannte
auf das evangelische Kaisertum deutscher Nation, der wußte, daß die
Krone der Hohenzollern aus dem Staatsgedanken der Reformation ihre
beste Kraft gewonnen hat.
In dieser Meinung wollen auch wir Preußen sein und bleiben,
Männer, wie er, des Königs und des Vaterlandes. Die Zukunftsmacht
der deutschen Nation, die Welt ihrer Ideen ist in unsern Händen. Hüten
wir das heilige Feuer; nähren wir die Flamme, so daß sie sich reinige
vom Rauch und himmelan steige; sorgen wir, soweit unser Leben und
Können reicht, daß sie niemals verlösche.