Dezember 1908. 163
Zurückhaltung in dieser Frage ging hervor aus Zweifeln an der praktischen
Durchführbarkeit solcher Vorschläge und an der Opportunität ergebnisloser
Diskussionen, die in einer so heiklen Frage die Gegensätze, statt sie
zu mildern, leicht verschärfen könnten. Der Wunsch allein tut es nicht.
Ich will gewiß nicht von vornherein, ohne zu prüfen und kategorisch, jede
Möglichkeit von der Hand weisen; aber allein die technischen Schwierigkeiten
scheinen mir recht große zu sein. Ja, wenn es sich nur um die Zahl
oder das Deplacement der Kriegsschiffe handelte! Der Schiffsbau besitzt
aber noch andere Seiten, die sich nicht so leicht zahlenmäßig fassen lassen,
und die bei einer Abmachung, die wirksam sein soll, nicht ausgenommen
werden könnten. Und dann der Maßstab! Wo sind die Kriterien, die da
gelten sollen? Selbst wenn es möglich wäre, die Summe der gegenwärtigen
Interessen auf dem Weltmeere zu berechnen, wie sollen die unberechtigten
Aspirationen von den berechtigten getrennt, wie auch das Wachstum der
wirtschaftlichen Interessen und wirtschaftlichen Hoffnungen im voraus
gemessen, wie auch technische Erfindungen, von denen noch vor wenigen
Tagen der Herr Abgeordnete Graf Kanitz gesprochen hat 1), und ihre
Wirkungen im voraus berechnet werden können?
Und dann, meine Herren: wir stehen in der Mitte von
Europa, auf dem strategisch ungünstigsten Platz,
der sich auf der Karte aller fünf Weltteile ausfindig
machen läßt. Unsere Rüstungen sind von der Notwendigkeit
diktiert, uns nach verschiedenen Fronten verteidigen zu können. Es
ist im Laufe dieser Debatte wiederholt gesagt worden, unsere auswärtige
Lage lasse zu wünschen übrig. Gewiß, die Situation in Europa ist in
diesem Augenblick keine besonders behagliche; ich habe da auch manche
Wünsche. Ich glaube aber, daß unsere Lage in dem Augenblick eine schlechte
werden würde, und unser Frieden ernstlich bedroht, in dem wir unsere
Rüstungen vermindern würden unter den Stand, den unsere Lage in
Europa erheischt.
(Sehr richtig! rechts.)
Und schließlich, meine Herren: der Umfang unserer Rüstungen
zur See ist vom Gesetze bestimmt, und zwar
bestimmt lediglich nach dem Gesichtspunkt, unsere Küsten zu verteidigen
und unseren Handel zu schützen. Auf der einen Seite unsere geographische
Lage, nach der für alle Zeiten unsere Sicherheit von der Stärke unseres
Landheeres abhängig sein wird, auf der anderen Seite das Maß unserer
1) Graf Kanitz hatte von den Unterseeboten und den Luftschiffen gesprochen.
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