Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

452  R.  Reinhard,  [26

zog.  Danzig  lehnt  sich  im  Westen  an  die  befestigten  Höhen  des
Bischofs-  und  Hagelsberges;  im  Südosten  und  Norden  ist  die  Stadt
durch  die  Niederung  geschützt.

Mit  der  Notwendigkeit,  auf  festem  Boden  zu  bleiben,  sind  für
die  Lage  der  norddeutschen  Städte  zwei  andere  Merkmale  negativer
Natur  verknüpft.  Hahn  sagt  a.  a.  0.  Seite  30:  „Wir  dürfen  im  norddeutschen
  Tieflande  nicht  erwarten,  an  den  zahlreichen  Flußrvereinigungen
  derselben  größere  Städte  zu  finden.“  Solche  Stellen  leiden  an
Ueberschwemmungen,  an  einer  großen  Veränderlichkeit  des  Fahrwassers
und  des  Flusses  überhaupt  und  haben  alle  jene  Nachteile  in  erhöhtem
Maße,  die  wir  oben  von  dem  niedrigen  Lande  anführten.  In  Bergländern
  ist  allerdings  die  Lage  einer  Ansiedelung  an  der  äußersten
Spitze  einer  Flußhalbinsel  der  strategischen  Vorteile  wegen  sehr  beliebt,
und  um  nur  einige  Beispiele  aus  Deutschland  anzuführen,  sei  an  die
Lage  von  Passau,  Koblenz  und  Wertheim  a.  M.  erinnert.  Anders  in  der
Tiefebene:  Das  alte  Hamburg  liegt  in  dem  Winkel  zwischen  Elbe  und
Alster,  aber  nicht  am  Scheitelpunkt  desselben,  sondern  !js  Meile  von
diesem  entfernt  auf  der  Geestzunge,  die  sich  in  das  Schwemmland  beider
Flüsse  von  Norden  her  hineinschiebt.  Die  Montauer  Spitze  zwischen
Nogat  und  Weichsel  war  zwar  lange  ein  Streitobjekt  zwischen  Elbing
und  Danzig,  aber  von  einer  Ansiedlung  ist  sie  stets  freigeblieben.  Lübeck
dagegen  konnte  die  Flußwinkellage  besser  ausnützen,  indem  sich  ein
nordsüdlich  streichender  Höhenzug  bis  dicht  an  die  Vereinigung  der
Trave  und  Wackenitz  heranzieht;  aber  auch  diese  Stadt  war  ursprünglich
  durch  einen,  wenn  auch  schmalen  Sumpfstreifen  vom  Wasser  getrennt.


Was  von  der  Beschaffenheit  der  Flußhalbinseln  gesagt  wurde,
gilt  erst  recht  von  den  Inseln  in  den  Mündungen  der  deutschen  Ströme.
Darum  ist  keine  der  hier  betrachteten  Städte  von  einer  Flußinsel  aus
entstanden.  Wo  heute  ein  Stadtteil  auf  einer  solchen  liegt,  ist  er  stets
eine  spätere  Erweiterung  der  Stadt.  Der  Kneiphof  ist  die  letzte  der
drei  vom  deutschen  Ritterorden  gegründeten  Städte!),  die  das  spätere
Königsberg  bilden.  Hamburgs  Inselstadtteile  in  der  Alstermündung
entstanden  nur  deshalb  verhältnismäßig  früh,  weil  die  Stadt  in  ihrem
Wachstum  der  Elbe  zustrebte.  Die  „Silberwiese*  Stettins  wurde  erst
am  Ende  des  19.  Jahrhunderts  und  dann  noch  fast  nur  mit  Speichern
bebaut.

Den  topographischen  Verhältnissen  der  norddeutschen  Tiefebene
verdanken  unsere  Städte  endlich  ein  drittes  Hauptmerkmal  ihrer  Ortslage.
  Die  in  der  Nähe  der  Küsten  laufenden  Verkehrsbahnen  suchen
die  großen  Ströme  natürlich  an  möglichst  bequemen  Uebergängen  zu
kreuzen.  Die  Karte  lehrt  uns,  daß  diese  Kreuzung  fast  ausnahmslos
an  der  Stelle  jener  Städte  stattfindet,

In  Bremen  schneiden  seit  alters  die  von  Ostfriesland  und  Westfalen
nach  der  Ostsee  führenden  Straßen  die  Weser?).  Die  zwischen  Harburg
  und  Hamburg  die  Elbniederung  überschreitende  Straße  vermittelt

ıı  Armstedt,  Königsberg  8.  22  ff.
2)  Buchenau,  Bremen  S.  79.