Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Veuisches  Reich.  (April  18.—19.)  417

naturgemäß  von  Jahr  zu  Jahr  im  Kriege  sich  verschlechternden  Ernten
und  3.  das  Zaudern  der  Regierung  mit  den  notwendigen  Maßnahmen.
Das  Zaudern  im  Anfang  kam  daher,  daß  man  allgemein,  auch  bei  uns,
nur  mit  einer  Kriegsdauer  von  höchstens  einigen  Monaten  rechnete.  Die
Behörden  und  die  Reichsregierung  haben  Agrarier  und  Händler  lange  Zeit
ihre  unmotivierten  Forderungen  durchdrücken  lassen.  Dazu  kam  die  fehlerhafte
  Berechnung  der  Vorräte  und  die  mangelhafte  Erfassung  der  Bestände
o#f  dem  Lande.  Die  Not,  die  daraus  resultierende  Unzufriedenheit  und  der
durch  die  Kürzung  der  Brotration  noch  gesteigerte  Unwillen  haben  den
Antergrund  für  eine  ebenso  unwahrhaftige  wie  demagogische  Verhetzung
geschaffen.  In  der  Ernährungsfrage  haben  wir  bis  zur  Spaltung  alle  Beschlüsse
  einstimmig  gefaßt.  Wir  werden  im  Kampf  für  die  Sicherstellung
der  Bolksernährung  nicht  nachlassen.  Die  uns  und  der  Generalkommission
gegebenen  Zusagen  müssen  unbedingt  eingehalten  werden,  die  zum  Ersatz
für  die  verringerte  Brotration  eingeführte  erhöhte  Fleischration  muß  sichergestellt
  werden.  Besonders  wurde  geklagt  über  die  mangelhafte  Durchführung
der  Verordnungen  der  Reichsregierung  durch  die  Bundesstaaten,  zumal  in
Preußen.  Hier  ist  keine  bessere  ##rwaltung  denkbar,  solange  nicht  volle
Demokratisierung  erreicht  ist.  Die  Stellungnahme  mancher  Genossen,
daß  die  Wahlreform  im  Kriege  nicht  gemacht  werden  könne,  verurteile  ich
durchaus,  und  ich  bedauere  es  sehr,  daß  zum  Beispiel  Lensch  sich  auf
diesen  Standpunkt  gestellt  hat.  Kein  Mensch  bestreitet  vorhandene  Schwierigkeiten
  für  die  Regierung,  diese  zu  überwinden  ist  in  erster  Linie  ihre  eigene
Sache!  Die  Osterbotschaft  ist  zweifellos  das  Ergebnis  unserer  Taktik  gewesen;
während  das  Sammelsurium  von  Anträgen  der  Arbeitsgemeinschaft  im
Reichstage  glatt  abgelehnt  worden  wäre,  worauf  sich  die  Reaktion  dann
bei  ihrem  Zögern  hätte  berufen  können,  hat  sich  für  die  Einsetzung  des
Verfassungsausschusses  und  damit  grundsätzlich  für  eine  großzügige  Demokratisierung
  die  ungeheure  Mehrheit  des  Reichstages  ausgesprochen.  Haase
hat  in  Gotha  behauptet,  wir  hätten  durch  unsere  Taktik  zur  Verlängerun
des  Krieges  beigetragen.  Nun,  wir  haben  immer  und  unausgesetzt  or
den  Frieden  ohne  Vergewaltigung  irgendeines  Volkes  hingearbeitet,  reik#e
auch  erklärt:  wenn  von  den  andern  ein  solcher  Frieden  der  Verständigung
abgelehnt  wird,  stehen  wir  selbstverständlich  zur  Berteidigung  unseres  Landes.
Wenn  etwas  die  Aussichten  auf  baldigen  Frieden  verschlechtern  konnte,  dann
war  es  die  Taktik  der  Arbeitsgemeinschaft  (Sehr  richtig!),  die  die  feindlichen
  Regierungen  in  dem  Glauben  bestärken  mußte,  Deutschland  stehe
vor  dem  Zusammenbruch;  wenn  die  feindlichen  Regierungen  das  glauben,
dann  sind  sie  natürlich  nicht  bereit  zum  sofortigen  Frieden.  Haase  hat  in
Gotha  es  als  Deklamationen  erklärt,  wenn  man  vom  Frieden  rede,  aber
nichts  tue,  um  die  internationale  Vertretung  der  Arbeiterklasse  wieder  zusammenzubringen.
  Dabei  kennt  Haase  ganz  genau  unsere  unausgesetzten
Bemühungen  auf  Wiederzusammenbringung  der  Internationale.  Deklamation
  soll  es  auch  sein,  wenn  man  zwar  für  den  Frieden  rede,  aber  Mittel
zum  Kriege  bewillige.  Nun,  wir  können  und  wollen  nicht  unseren  eigenen
Söhnen  und  Brüdern  in  den  Rücken  fallen.  Hätten  wir  etwa  eingehen
sollen  auf  den  1915er  Weihnachtsbeschluß  der  französischen  Sozialisten?
Die  haben  damals  von  ihren  Deputierten  Bewilligung  der  „Mittel  zum
Siege“  verlangt  und  das  Verbleiben  ihrer  sozialistischen  Vertreter  im  Ministerium.
  Von  den  deutschen  Sozialisten  aber  verlangten  sie,  daß  sie  die
Mittel  zur  Verteidigung  ihres  Landes  ablehnen  und  auch  „zu  anderen
Handlungen  übergehen"  sollten.  Diese  Zumutung  mußten  wir  selbstverständlich
  ablehnen.  Wer  für  die  Demokratisierung  unseres  Landes  arbeitet,  der
arbeitet  für  den  Frieden;  unsere  Arbeit  würde  um  so  wirksamer  sein,  je

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