Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

360  Das  Japftinn.  (Ende  November—Dezember  23.)

als  Oberhaupt  der  katholischen  Kirche  durch  die  anti-klerikalen  Kundgebungen,
die  in  letzter  Zeit  in  Italien  stattgefunden  haben,  geraten  sei.  „Die  Person
des  Heiligen  Vaters,“  heißt  es  in  der  Note,  „ist  dadurch  geschmäht,  die  Religion
  ist  geschändet  worden;  man  hat  darin  die  Abschaffung  des  Garantiegesetzes
  und  die  Streichung  des  Artikels  1  der  italienischen  Verfassung,  welcher
  die  katholische  Religion  für  die  Staatsreligion  erklärt,  gefordert.  Die
dem  Papste  bereitete  Lage  werde  noch  unerträglicher  infolge  der  Mithilfe  der
italienischen  Regierung,  welche  den  Anarchisten  bei  ihren  Angriffen  auf  die
Religion  und  ihren  Beschimpfungen  gegen  den  Papst  freies  Spiel  lasse“.
Auffälligerweise  wird  diese  Note  der  französischen  Regierung
nicht  überreicht;  es  heißt,  daß  man  dieser  Unterlassung  in  Paris
eine  ungünstige  symptomatische  Bedeutung  für  die  gegenwärtigen  Beziehungen
  zwischen  dem  Vatikan  und  Frankreich  beimißt.  Die  Note
wird  in  Wien,  München,  Brüssel,  Madrid  und  Lissabon  überreicht.
Schon  etwa  8  Wochen  früher  soll  der  Papst  eine  ähnliche
Beschwerdenote  an  die  katholischen  Mächte  haben  ergehen  lassen.
Ende  November.  Die  Klerikalen  Italiens  behandeln  den  Plan
der  Einberufung  eines  allgemeinen  Katholiken-Kongresses  nach
Turin,  um  die  Mittel  zu  beraten,  durch  welche  die  katholischen  Mächte
zur  UÜbernahme  des  Schutzes  des  Papsttums  bewogen  werden  könnten.
Anfang  Dezember.  Unterhandlungen  mit  Großbritannien
  über  die  Regelung  der  Verhältnisse  der  katholischen  Kirche  in
England.

Die  Führung  der  Unterhandlungen  liegt  in  den  Händen  des  Kardinals
  Manning,  der  das  unbedingte  Vertrauen  des  Papstes  besitzt  und  gleichzeitig
  bei  der  Königin  Viktoria  in  hohem  Ansehen  steht.  Wie  verlautet,
wird  in  London  vorläufig  das  Präsentationsrecht  für  die  englischen  Bischöfe,
beziehungsweise  das  Zugeständnis  der  Ausübung  eines  faktischen,  wenngleich
nicht  kodifizierten  Veto-Rechtes  angestrebt.  Von  einer  Herstellung  beiderseitiger,
regelmäßiger  diplomatischer  Beziehungen  ist  in  diesem  einleitenden  Stadium
der  Verhandlungen  noch  nicht  die  Rede.  Es  wird  diesmal  ein  günstiger  Abschluß
  derselben  gehofft,  da  im  Vatikan  wie  in  London  die  besten  Dispositionen
  hiefür  vorherrschen.

23.  Dezember.  Beim  Empfange  des  zum  Weihnachtsfeste  glückwünschenden
  Kardinalskollegiums  trägt  der  Papst  aufs  neue  seine
Beschwerden  über  Italien  vor  und  legt  Verwahrung  ein  gegen

die  Lage,  die  ihm  bereitet  worden.

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